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Freitag, 9. Januar 2015

1. An der Front: [Wirrwarr]

Vorangestellt ein kurzer ergänzender Abschnitt zur taktischen Lage zu Begin der Erzählung:

Blick vom Douaumont 2014
Am 25. Februar verloren die Franzosen im Rahmen der "Operation Gericht" das Fort Douaumont an die deutschen Truppen. Nach den vielen gescheiterten Versuchen seitdem, sollte es endgültig zurückerobert werden. Zur Vorbereitung des Großangriffs ließ General Nivelle etwa 600 Geschütze heranführen.
Die Vorbereitungen des Angriffes der französichen Infanterie begannen am 19. Oktober, um 2:30 Uhr Nachmittags, durch das Einschießen auf das Angriffsgebiet und die dahinterliegenden Versorgungswege der dt. Truppen.

Am Folgetag [21. Oktober] begann ein bisher nicht dagewesenes Feuer auf den Douaumont. Eine Verstärkung oder Ablösung der Truppen in der vordersten Linie war bereits nicht mehr möglich.
Nach Mitternacht [22. Oktober] war die Verbindung der dt. Stäbe zu ihren Einheiten an der Front endgültig abgerissen.


Nach dem allgemeinen Ablöseprogramm der 54. I.D. [Infanterie Division] sollte in der Nacht vom 22. zum 23. Oktober der linke Abschnitt (Fleury-Süd) von einem Bataillon des Res.Inf.Regt. 27 abgelöst werden. In der nächsten Nacht sollte dann die Ablösung im rechten Unterabschnitt erfolgen.
Die Führung, die unmittelbar vor dem Angriff nicht noch ein weiteres Regiment vom Artilleriefeuer zerschlagen lassen wollte, das sie nachher zum Gegenstoß bitter nötig haben würde, gab Gegenbefehle. Die Ablösung wurde vorerst um vierundzwanzig Stunden verschoben.   
Infolge der gestörten Fernsprechverbindungen erhielt Oberstlt. Schäffer [Rgts.Kdr vom Dienst auf dem Douaumont, RIR90] die mehrfach geänderten Ablösebefehle nicht richtig und ordnete dennoch an, dass die 5. und 6. Kompanie mit den zugeteilten M.G. in der Nacht vom 22./23.10. vorn ablösten…
[Dahlmann, Reinhold (Hrsg): Reserve-Infanterieregiment Nr. 27 im Weltkriege, Berlin 1934, S. 245]




(c) Sven Janke

Donnerstag, 8. Januar 2015

1. An der Front: Kampf um den Douaumont - I

[22. Oktober 1916
„Halberstädter Lager“/ bei Azannes,
ca. 12 km vor Fort Douaumont]



Helm ab zum Gebet!

Tiefes Schweigen liegt über der Kompanie [ca. 100 Mann], die auf fremder Erde zum Feldgottesdienst angetreten ist.
Ein jeder sammelt sich noch einmal in der Erinnerung an die Heimat, für die er in wenigen Stunden im Kampf um Douaumont sein Leben einsetzen wird.
Aus rauen, ungeübten Männerkehlen dringt ein Choral hinaus in den Äther. Der kalte Herbstwind nimmt uns die Worte von den Lippen und trägt sie über ödes Etappengelände hinweg zu den jenseitigen Höhen. Wie dumpfer Trommelwirbel antworten aus der Ferne die Geschütze, welche der Feind für die Generaloffensive eingesetzt hat. Ihr tiefes Grollen ersetzt die Orgel in diesem weiten Dom der Andacht.
Wir rücken ab in die Quartiere über unwegsames Gelände, das der Dauerregen in den letzten Tagen aufgeweicht hat. Selbst die Laufstege zwischen den Baracken sind stellenweise verschwunden – im Schlamm versunken.
Schnell werden die letzten Vorbereitungen getroffen, Eiserne Rationen empfangen, gepackt was notwendig oder lieb und wert ist, und manch kleiner Talisman wandert heimlich an seinen alten Platz, manch lieber Brief in die Brusttasche.
Das Signal zum Antreten ertönt. Die Kompanie steht. »Mit Gruppen rechts schwenkt, ohne Tritt  – Marsch!«
Der Tornister drückt, das Koppel zieht nach unten, der Marsch beginnt – der Marsch ins Ungewisse!

Es ist nachmittags drei Uhr – wir schreiben den 22. Oktober 1916. Noch einmal bricht die Sonne durch. Herbstliche Stimmung liegt über der Landschaft, die uns im Verlauf der Zeit schon vertraut geworden ist. Feindesland ringsherum, vor uns die Front und im Rücken die Heimat für die wir kämpfen, für die wir – wenn es das Schicksal will – zu sterben bereit sind.
Monoton klingt der Marschschritt durch die Viererreihen. Es wird kaum gesprochen. Ein jeder sammelt sich für den bevorstehenden Kampf. Die Stunden vergehen. Wir befinden uns auf der Hauptstrasse von Azannes. Die Dämmerung bricht herein und ruft ein emsiges Leben und Treiben wach. Jetzt wird die Nacht zum Tag gemacht. Bevor der neue Tag anbricht, muss unendlich viel geschehen. [...]

Azannes 2014
Azannes ist erreicht. Ein Dorf, nur noch auf Abbruch zu verkaufen. Wir biegen rechts vom Wege ab und gehen querfeldein auf eine Waldecke zu. Noch sind der Weg und die nächste Umgebung zu erkennen. Hörbarer wird der Donner der Geschütze.
[...] Wir marschieren über blutgetränkte Erde. Hier hatten unsere tapferen Truppen im Februar den Widerstand des Feindes gebrochen. Mit einer Bravour sondergleichen hatten sie damals alles überrannt, was ihnen in den Weg kam. Wir gehen vorüber an den ehemaligen Stellungen, Gräben, Sappen, Unterständen, Drahtverhauen, genau so wie man es damals verlassen hatte.
Der letzte Schein des abendlichen Himmels lässt die schlichten Holzkreuze, die zu hunderten hier aufgestellt sind, wie Silhouetten am Horizont erscheinen. Hie und da leuchten uns die ausgeblichenen Knochen eines Pferdeskelettes an. Stätten des Grauens und Wahrzeichen schlichten Heldentums.
Mein Nebenmann schiebt mir ein Stück Papier zu, die Adresse seiner Eltern. »Wenn ich nicht zurückkommen sollte«, sagt er mit leicht erregter Stimme. Ich habe ihn, der mir in kurzer Zeit schon ein lieber Kamerad geworden ist, nicht wiedergesehen. Auch er ruht in fremder Erde unter einem der schlichten Holzkreuze.
Wir sind vom Res.I.R.27. [...]

Ornes - zerstörtes Dorf 2014
Vier Volltreffer gehen in das Dorf Ornes hinein, welches etwa 100m links von uns liegt. Die Pferde scheuen, sie rasen den Hang zu uns hinauf. Fuhjie zirrr, fuhjie zirrr – die zweite Batterie! Die Brocken fliegen uns um die Ohren. [...] Wir flüchten in den nächsten Graben.
Einige geringfügige Verwundungen hat es doch gegeben und einer unserer Jüngsten hat einen Nervenschock bekommen. Er zittert am ganzen Leibe und weint aus tiefster Seele vor sich hin – untröstlich. Ich versuche es in Güte, ich nenne ihn einen »Schlappschwanz« – er weint fortgesetzt und fährt zusammen, wenn eine Granate über uns hinweg heult oder in der Nähe krepiert.
Jetzt taucht Leutnant Mohr im Graben auf. Er überzeugt sich, ob alles da ist, schärft mir noch einmal ein, dass ich den Glycerinbehälter heil auf den Douaumont bringen muss, staucht den Jämmerling neben mir zusammen, nennt ihn einen Scheisskerl und verschwindet in der Sappe [Schützengraben ].
»Fertigmachen«, wird durchgegeben.
»Alles auf Tuchfühlung gehen!«
Langsam kriechen wir aus dem Graben heraus. Der Marsch beginnt. Stockfinster ist die Nacht. Die Sinne schärfen sich, angestrengt sucht das Auge den Weg. Leutnant Mohr führt. Es geht bergab im Kabelgraben der Brûles - Schlucht zu. In wenigen Minuten werden wir die Sperrfeuerlinie erreicht haben.
Fjuü - rrrach – dicht neben uns! Zirrrrr saust ein Splitter über uns hinweg. Unser Tempo wird lebhafter. Wir stolpern hinein in das Dunkel. Fjuu - rrrrach – fjuuu - rrrrach – wir sind mitten im Feuerbereich. »Verbindung halten«, gibt man durch. »Verbindung halten«, murmelt jeder nach. Irgendwo in der Ferne steigt eine Leuchtkugel auf. Fahles Licht enthüllt für Augenblicke die nächste Umgebung. Überall aufgewühltes Erdreich, entwurzelte Bäume, abgemähter Wald ein einziges Trichterfeld rechts und links. Wir biegen in die Brûles - Schlucht ein.

Eingang zur Brûle Schlucht 2014, der Weg führt nach links
Die Nacht ist zur Hölle geworden. Um uns schlagen die Granaten in dichter Folge ein. Ich verfolge mit geübtem Ohr jede einzelne, ihr Jaulen und ihren Einschlag. Fuhjiebamm – das war zu kurz. Wie ein Knäuel fliegen vier Mann durcheinander. Ich bekomme einen dumpfen Schlag an den Kopf, Funken sprühen vor meinen Augen – es wird Nacht um mich. Ganz von ferne vernehme ich Stimmen. Unter mir bewegt sich etwas. »Verflucht noch mal!«, höre ich. Ich bin wieder wach. [...]
»Weiter, weiter, Verbindung halten, vorwärts!«, ruft man hinter uns.
»Blödsinn bei dem Feuer!«, stöhnt einer hinter mir, der aufgerückt war. Herzzerreißend wimmert ein Verwundeter am Wege. Ein Sanitäter ist bei ihm, die anderen stürzen vorüber. Wieder einer, der liegen bleibt – noch einer.
Brûle Schlucht 2014
Wie ein gehetztes Wild stürze ich vorwärts, jeden Augenblick das tödliche Eisen erwartend. Rrrrrach – 20m vor mir. »Das hat Tote gegeben«, denke ich und raffe mich wieder auf.
Der Zug steht plötzlich. Unheimlich jeder Augenblick des Wartens in diesem Feuer. »Was ist denn los?« Wir geben die Lage nach vorn weiter. »Verbindung abgerissen!«, kommt es zurück. Unaufhaltsam schiebt man von hinten nach. Die Ersten treibt es ins Ungewisse hinein. Feldwebel Quedenfeldt hat die Führung übernommen; er trifft Pioniere, die wissen wollen, wo das Feuer nicht so stark ist. Wir sind am Fortberg [Berg des Fort Douaumont] angekommen. Jetzt heißt es hinauf, so schnell das eben möglich ist. Ich bin in Schweiß gebadet. Die Kräfte lassen nach – ich merke das, ich stehe nicht mehr so fest. Soll ich liegen bleiben? Soll ich laut in die Nacht hinausschreien, was meine Seele quält. Ist das nicht alles Wahnsinn ringsherum? Sind die Menschen verrückt geworden? Wozu dieses Schlachten und Morden?
Ich weiß nicht mehr, was ich tue, ich hetze nur vorwärts, stolpere, falle, raffe mich wieder auf und folge wie betäubt meinem Vordermann. Bis über die Knie versinke ich im Schlamm eines Granatloches. Der Stiefel bleibt stecken – ich erwische die Strippe.
Übermenschlich ist die Anstrengung, herauszukommen. Ich bin eben schon zu schwach. Mein Vordermann verschwindet im Dunkel der Nacht. Wo bleiben die anderen? Ich schreie: »Kamerad!« – schreie und schreie, doch niemand hört mich mehr. Ich taumele im Trichterfeld umher. Mehr instinktiv, als bewusst findet sich mein Fuß auf den Rändern der Granatlöcher zurecht. Da, rechts ein Wasserspiegel – zwei Gestalten sitzen bis über die Brust darin. Ich rufe, ich schreie mit ganzem Stimmaufwand: »Kameraden!« – keine Antwort!
Rrrach, rrrach – rechts und links von mir. Ich kann mich nicht mehr hinwerfen, um vor Splittern geschützt zu sein. Rrrrrach – dicht hinter mir! Der Luftdruck wirft mich in einen Trichter hinein – ich gebe auf. Es ist zu Ende mit mir. Zehn Minuten früher oder später tot, mir ist es gleich! Hier komme ich doch nicht wieder heraus! Der Berg erbebt, ringsherum streut die leichte Feldartillerie, der Kegel selbst wird mit 40cm Geschossen bepflastert.

Der Graben am Haupteingang in nördliche Richtung 2014
Ich liege im Schlamm. Leises Summen, wie das eines Fliegers dringt an mein Ohr. Sonderbar – das musste doch das Fort sein! Ob ich es noch einmal versuche? Ich musste es ja, wollte ich hier nicht umkommen! Auf allen Vieren arbeite ich mich heraus, die Füße wollen mich nicht mehr tragen. Ich balanciere auf den Trichterkanten herum, rutsche aus, arbeite mich wieder heraus. Der Schweiß läuft mir in Bächen den Körper herunter, das Herz schlägt mit letzter Kraft. Granaten zischen über mich hinweg. Rrrrach – ein ganz Großer bringt mich wieder aus dem Gleichgewicht. Ich stürze drei, vier, fünf Meter hinab, schlage hart auf und werde ohnmächtig wie ein Lappen nach vorn gerissen – ins Licht, ins Fort hinein!

Verschwommen tanzen Gestalten vor meinen Augen, ich höre Stimmen. Dann wird es Nacht um mich, ich breche zusammen.

Der Hauptgang im Ft. Douaumont 2014
Als ich wieder erwache, liege ich im Hauptgang auf einer Seitenbank mit geöffnetem Waffenrock und gelöster Halsbinde. Ein Sanitäter reicht mir einen Kognak.
»Was abgekriegt?«, fragt er. Ich taste meinen Kopf ab »Weiß nicht!« – er geht weiter.
Kalt zieht es durch den Gang – ich bin wie im Schweiß gebadet und bekomme eine Gänsehaut nach der anderen. Alle frieren sie, dösen vor sich hin und kauern sich in eine Ecke, während der Betrieb in den Gängen seinen Fortgang nimmt. Bald packt mich die Erschöpfung wieder und ich schlafe ein.



Mittwoch, 7. Januar 2015

1. An der Front: Kampf um den Douaumont - II

[23. Oktober 1916]
Um Mitternacht stößt mich jemand an: »Los, fertigmachen!« Ich raffe mich zusammen und stehe wieder in Reih und Glied.
Da kommt Leutnant Mohr aus den unteren Gängen herauf. »Abschnallen, wir gehen erst um drei Uhr – unmöglich jetzt bei dem Sperrfeuer!«
Die Alten brummen und nehmen ihren Platz wieder ein. Mich haben die paar Stunden Schlaf wieder frisch gemacht. Das ist der Vorteil der Jugend.
Ich pendele durch die Gänge des Forts. Überall, wo ich auch bin, verfolgt mich das Summen des Motors, der das Fort mit Licht und frischer Luft versorgt und dem ich es verdanke, dass ich vor wenigen Stunden den Eingang zum Fort gefunden habe.

Endlich ist es soweit! Wir treten an und werden gezählt – es fehlen sieben, die das Fort nicht erreicht haben.
Leutnant Mohr gibt noch einmal kurz und eindringlich Verhaltensregeln bekannt und dann steigen wir hinab über Treppen durch halbdunkle Gänge bis wir durch den zerschossenen Aufgang ins Freie gelangen.
Finsternis umfängt uns – drüben blitzen die Geschütze auf. Über uns hinweg gurgeln und jaulen die Granaten ihr altes Lied, hinter uns krepieren sie mit unheimlichem Getöse. Für einen Augenblick klopft das gequälte Herz wie immer, wenn es zum Angriff geht, dann wird es ruhig – eisern ruhig, als ob alles so selbstverständlich wäre – das Leben und das »Sterben«.
[...]
Nun stehen wir wieder draußen im Feuer. Ringsherum streckt der Tod seine Knochenfinger nach uns aus. Aber wir achten nicht mehr darauf. Der Tod ist uns ein Bekannter geworden – und vielen von uns sogar ein guter Bekannter.
Schweigend folgen wir einander durch den Laufgraben am Nordhang des Forts. Grundlos ist der Weg – der Schlamm läuft uns in die Stiefelschäfte hinein.
Ich kann nur noch in gebückter Haltung, die Hände ständig an den Strippen, vorwärtskommen. Glucksend und gurgelnd löst sich der Fuß aus dem Schlick. Eine Strippe reißt ab – noch eine – ich schneide Löcher in die Schäfte, der Rücken schmerzt.
»Verfluchte Schweinerei!«, flucht mein Vordermann. Er hat im Fallen beide Stiefel stecken lassen und steht nun bis über die Knie im Schlamm. Vergebens sucht er danach. Er muss barfuß zurück zum Fort und viele andere mit ihm.
Leutnant Mohr hatte recht daran getan, die Zeit unseres Aufbruches zu verlegen.
Das Gelände bis zur vordersten Stellung, welches wir jetzt mit Eilschritten durchmessen, wird nicht so stark beschossen. Die leichte Feldartillerie schickt nur einige kleine Sachen herüber, die wir weiter nicht ernst nehmen. Dagegen machen uns jetzt die Leuchtkugeln zu schaffen. Von beiden Seiten werden sie abgeschossen. Taghell ist das ganze Gelände beleuchtet. Drüben liegen die Franzosen auf der Lauer und versuchen abzuschießen, was sie in ihr Visier bekommen. Wir hocken in den Granatlöchern und warten auf einen günstigen Moment. Eben senkt sich das Licht zur Erde. Noch geblendet stolpern wir vorwärts. Platt und regungslos liegen wir wieder da, wenn sich die nächste Rakete entfaltet.
Vor uns sehen wir bereits die Reservestellung, den Bahndamm Fleury-Vaux. Etwa 200m sind es noch. Unteroffizier Hansen liegt plötzlich neben mir. »Ein glücklicher Zufall!«, denke ich, denn ich fühle mich an seiner Seite geborgen. Er kennt das Gelände wie seine linke Westentasche.
»Viel zu spät rausgekrochen!«, schimpft er vor sich hin. Sein geübtes Ohr hat bereits das von links einsetzende Sperrfeuer vernommen. Wie ein Orkan braust die Feuerserie heran, sie gilt der Reservestellung. Leuchtkugeln steigen auf.
[...]

Der Bahndamm Blick Richtung Westen, 2014
Nach zehn Minuten flaut das Feuer ab. Zwei Minuten später stehen wir am Bahndamm, ausgepumpt und erschöpft. Vor einem tiefen Stollen steht Leutnant Mohr. Er sieht Hansen – sie geben sich die Hand.
»Hat noch verhältnismäßig gut gegangen«, sagt er, »Sechs Verwundete, einer schwer, habe ihn eben holen lassen.« Er zeigt auf zwei Sanitäter, die gerade vor dem Stollen absetzen. In einer Zeltbahn, die an einem Tragknüppel befestigt ist, liegt er, der Ärmste und brüllt fürchterlich.

»Was hat er?«, fragt Leutnant Mohr.
»Bauchschuss!«, ist die Antwort.
»Wer ist es?«, erkundigt sich Hansen.
»Gefreiter Müller«, antwortet Leutnant Mohr, »einer unserer Besten. Habe die andern bereits nach vorn geschickt. Es war die höchste Zeit«, er zeigt nach Osten, wo der Himmel, sich schon aufhellt. »Sie bleiben mit zwei MG-Mannschaften hier in Reservestellung. Sobald ich sie brauche, kommen sie nach.«
»M. und Pfahl, MG am Bahnkörper übernehmen«, ruft Hansen in den Stollen hinein. Wir krabbeln hinaus. An halber Höhe des Bahndammes finden wir ein Loch, so groß, dass zwei Mann bequem darin Platz haben.
»Verdammt windige Bude«, meint Pfahl und kriecht hinein. Ich folge schnell, denn der Franzose trommelt wieder. In der äußersten Ecke finden wir gut verpackt zwei MG und die nötige Munition. Wir hocken uns hin und erwar-ten den hereinbrechenden Tag. Wie die Pest stinkt es um uns herum und zu uns herauf. Wir zünden uns eine Zigarette an.
»Ich bin neugierig, wie das hier ausgeht«, unterbreche ich das Schweigen.
»Ich auch«, antwortet Pfahl und bläst den Qualm stoßweise in die Luft, während seine Augen die Decke unserer Behausung absuchen. Zwei morsche Schwellen ruhen auf wahllos aufeinander geschichteten Steinen. Von oben scheint der Tag zu uns herein. Vor dem Eingang hängt der Mantel eines Unbekannten, über dessen Gebeine ich am Hang gestolpert bin.
»Viel kann uns der Vorhang nicht nützen«, meint Pfahl, indem er versucht, einen herabgefallenen Zipfel zu befestigen.
»Wieso?«, frage ich, »Zum mindesten hält er den Wind ab und vielleicht fängt sich sogar ein Granatsplitter darin. Lockeres Zeug hält jede Kugel auf, den Beweis haben wir doch erst gestern am Fortberge gehabt.«
»Stimmt, hast recht«, antwortet Pfahl, »Der Brocken ges-tern wäre mir beinahe ins Kreuz gegangen.«

Der Anmarschweg zu den vordersten Linien am 23.10.1916
Es ist Tag geworden. Das Feuer hat nachgelassen – nur der Fortberg dampft noch. Wir krabbeln heraus und sehen uns die Gegend an. Ein wüstes Trümmerfeld ringsumher. Wie Streichhölzer geknickt stechen die Schienen gen Himmel. Zwischen Schwellen und Gestein liegen sie – bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.
Ich berühre die Stiefel eines Verschütteten, sie kippen um. Ein Arm ragt unter Steinen hervor. Fetzen von Kleidungsstücken bedecken den Hang. Leichengeruch schlägt uns entgegen.
Ein Flieger rast über uns hinweg, kaum dreißig Meter hoch. Wir verschwinden schnell in unserer Höhle.
[...]
Wir knabbern trockenen Zwieback. Unter uns dröhnt die Erde, wenn ein Schwerer den Bahndamm getroffen hat. Meistens flutschen die Granaten eben über den Bahnkör-per hinweg und verschwinden als Blindgänger vor uns im schlammigen Grunde. Wenn es aber ein Treffer ist, dann spritzen Dreck und Splitter zu uns herauf. »Gaaas, Gaaas!«, ruft der Posten des Hauptstollens hinaus.
Wir sehen durch ein Loch in unserem Vorhang weiße Schwaden ziehen und stülpen schnell die Gasmasken über. Flupp, flupp – kommen die Gasgranaten über den Damm. Langsam kriecht das Gas auf dem Boden dahin und senkt sich hinab in den Stollen. Plötzlich ein Kopf vor unserem Loch. »Habt ihr noch Gasmasken übrig?«
Wir finden noch eine und geben sie ihm mit.

Die Nacht bricht herein. Wie Gespenster huschen Gestalten im Grunde vorüber. Kaffeeträger sind es, die wegen dünner Brühe ihr Leben aufs Spiel setzen. Kaffee oder Wasser, das ist gleich. »Durst, Durst!«, schreien alle. Auch uns klebt die Zunge am Gaumen. Pfahl hatte bereits am Tage versucht, mit dem Stahlhelm Wasser aus einem Granatloch zu schöpfen.
»Leichenwasser«, schimpfte er, als er die Nase darüber hielt und goss es weg.
Der Franzmann trommelt unaufhörlich. Es hagelt förmlich Geschosse. Leuchtkugeln steigen auf.
Da irren sie herum im Trichterfeld. Verwundete sind es, die ihren Schmerz hinausschreien in das Dunkel der Nacht. Sie hören und sehen nichts mehr, sie streben nur noch instinktiv dem Fort zu. Ob sie es wohl erreichen?
»Kameraaad! Kameraaad!«, gellt es von links durch die Nacht. Herzzerreißend. So kann nur ein Wahnsinniger schreien! Er kommt näher. »Kameraaad! Kameraaad!«, weint er.
Ich Iaufe zu ihm hinab und blicke in das Gesicht eines Irrsinnigen. Entsetzlich verzerrte Züge, von Blut und Dreck verklebt – der starre Blick. »Kameraaad!«, schreit er unentwegt. Ich schleppe ihn zum Stollen. »Hier kann keiner mehr rein«, stöhnt einer, der auf der obersten Schwelle sitzt.
»Dieser muss noch rein!« entgegne ich hart und schiebe ihn nach vorn. Er rutscht und bleibt wimmernd am Eingang liegen.
Ich stürze zurück – über stinkende Massen hinweg zu meinem Erdloch. Die Nacht ist zur Hölle geworden, wie dumpfer Trommelwirbel dröhnt das Vernichtungsfeuer herüber aus vorderster Stellung. Der Bahndamm erzittert unter den gewaltigen Explosionen. Verwundete stöhnen vorüber.
Wir spähen mit schmerzenden Augen hinaus, jeden Augenblick den Angriff erwartend, denn der Morgen graut.

Dienstag, 6. Januar 2015

1. An der Front: Kampf um den Douaumont - III

[24. Oktober 1916]
Aus dem Morgennebel taucht langsam der Douaumont empor – nur noch ein aufgewühlter, blutgetränkter Erdhaufen. Links davon tritt der Höhenrücken »Kalte Erde« mit seinen Vorwerken hervor. Schwarze Pulvermassen schießen gen Himmel und lassen die Atmosphäre bis zu uns herüber erzittern. 40cm Geschosse sind es, mit denen der Franzmann das Fort zertrümmert.
[...]Nebelschwaden ziehen an unserem Hang vorüber. Ein Flieger fegt über uns hinweg – noch einer – ein Dritter sogar. Sie schießen mit dem MG auf unsere Kameraden in vorderster Stellung. Tatt tatt tatt tatt tatt tatt – stop – und wieder tatt tatt tatt tatt – jeder einzelne wird aufs Korn ge-nommen.
Jetzt wird es uns unheimlich in unserem Loch. Wir springen hinunter in den Hauptstollen. Unmöglich hineinzu-kommen – er ist bis an den Rand vollgestopft mit Verwundeten. Jammern und Stöhnen dringt herauf. Ein Sanitäter kommt gerade schweißtriefend vom Fort.
Er ist völlig verfahren und berichtet mit fliegendem Atem: »Das Fort ist vollkommen zerschossen, gestern hat einer durchgeschlagen mitten ins Lazarett hinein. Hundert Mann sind dabei draufgegangen. Die Kasematten sind auch zerschossen!« Sein Atem pfeift. Man gibt ihm einen Schluck Kaffee. Er fährt fort: »Das Fort müssen wir aufgeben. Gestern ist das ganze Munitionsdepot in die Luft geflogen, die 40cm Brocken hauen überall durch. Von den Pionieren ist keiner davon gekommen. Alles voll Gas, kein Mensch kann mehr aushalten.«
»Dann haben wir heute noch den Angriff zu erwarten«, stellt Hansen fest und nimmt uns mit zum Pionierstollen.
[...]
Hansen springt plötzlich auf.
»Wir müssen nach vorn!«, schreit er, »Los, sofort beide MG!«
Wir kriechen am Hang hinauf, denn das Feuer ist zum Orkan angeschwollen. Rrrrach – ein Treffer oberhalb unseres Unterschlupfes. Ein Hagel von Schutt und Steinen kommt auf uns herab.
Wir zerren unser MG hervor und prüfen noch einmal, ob alles klar ist. Die Munition haben wir weiter oben am Hang untergebracht. Ich will sehen, ob sie nicht verschüttet ist und krieche hinaus.
Der Mund bleibt mir für einen Augenblick offen stehen. »Die Franzosen!«, schreie ich Pfahl an, der blitzschnell die Situation erfasst und im Loch verschwindet, um das MG klar zu machen.
»Revolver! Handgranaten!«, brülle ich ihm zu. Wir raffen zusammen, was wir packen können.
Rrrrach - rrrsch – krepieren die Handgranaten vor uns. Die Kugeln pfeifen über unsere Köpfe hinweg. Die ersten Franzosen brechen in unserem Feuer zusammen. Unten am Damm schreien unsere Landsleute auf. Ein Feuerregen prasselt gegen den Damm. Von oben wirft man Handgranaten auf uns. Wir bleiben ihnen nichts schuldig – sie müssen vor unserer Stellung zu Boden. Jetzt geht es Mann gegen Mann.

Vor mir erhebt sich die Fratze eines Negers. Im nächsten Moment ist er erledigt. Hinter ihm schieben sich andere heran. Pfahl schafft Handgranaten herbei. »Das MG!«, schreie ich ihm zu. Aber es ist ein Verhängnis, wir können das MG nicht flott machen – man hat uns überrumpelt. Wir müssen uns also bis zur letzten Handgranate wehren. Der Dreck fliegt mir um die Ohren, die Splitter zirren an mir vorbei. Noch halte ich sie in Schach, blitzschnell tauche ich auf, blitzschnell verschwinde ich wieder in Deckung. Wenn Pfahl mir Munition aus dem Stollen bringt, kommen sie nicht durch. Ich schreie ihm zu: »Handgranaten!«, er aber verteidigt sich bereits in meinem Rücken. In Scharen kommen die Franzosen und Schwarzen rechts und links von uns über den Damm. Wir sind eingeschlossen!
Aus dem Stollen unten winkt ein weißes Tuch hervor. Hansen hatte inzwischen erkannt, das jeder Widerstand nutzlos gewesen wäre. Er will die Verwundeten schonen und außer denen, die bereits vor dem Stollen verblutet sind, keinen Mann mehr opfern.
Mir sinkt die Hand herab. Ehe ich das begreife, treibt mir die Wut die Tränen in die Augen. Alles nutzlos, alles vergebens, das kann nicht sein, das darf nicht sein. Der Kampf aus – verspielt! Nein, noch kann ich es nicht fassen. Ich wende mich den Angreifern von rechts zu. Meine Handgranaten fliegen jetzt den Hang hinab, mitten hinein in eine Gruppe Franzosen, die sich dem Stollen zuwendet. Jetzt haben sie mich erkannt. Gewehrfeuer prasselt gegen den Damm. Ich wundere mich nur, dass mich keine Kugel trifft. Im nächsten Augenblick bin ich in unserem Loch verschwunden. Pfahl ist im Stollen. Die nächsten Sekunden bringen das Ende. Die ersten von uns verlassen mit erhobenen Händen den Stollen.

Einhundertzwanzig Stunden haben die Franzosen unsere Stellung mit einem Hagel von Granaten überschüttet, alles haben sie in Grund und Boden geschossen. Zum ersten Male wendeten sie das rollende Feuer [Feuerwalze] an. Wie abgemessen liefen die Truppen hinter der Feuersalve her, die exakt von hundert zu hundert Meter vorverlegt wurde. Kaum war der Druck des Trommelfeuers gewichen, standen sie bereits vor uns.

"1. Gefangenschaft" fängt am 26.05.14 an.

Montag, 5. Januar 2015

1. An der Front: Gefangennahme - I

["[Schlimmer noch] vollzogen sich die Ereignisse am Bahndamm von Fleury. Die in den Stollen sitzenden Pioniere und die wenigen Infanteristen wurden überrascht und gefangen. Aus der vorderen Linie gelangte keiner bis zum Bahndamm zurück. Wieviele dort lebend gefangen wurden, ist nie ermittelt worden. Sie können nur nach Dutzend gezählt haben. Der zehnmal größere Teil war verschüttet … gefallen … verblutet …", Beumelburg, S. 160]

Im Ft. Douaumont wurden vier Offiziere (FAR 108: Hptm Prollius,
Lt. Möhring, Lt. Noack, RIR27:  Lt. Schwarz (6. Komp) und  24 Mann
gefangengenommen. (zeitgen. frz. Postkarte, Aufnahme vom 25.10.1916)  
Die Uhr zeigt zwei Uhr nachmittags. Wir müssen Spalier laufen, so dicht stehen die Franzosen.
»Allez, allez!«, schreien sie, spielen am Gewehrschloss und knallen in die Luft.
Man plündert uns aus. Wir bekommen Fußtritte und Kolbenstöße. Pfahl läuft vor mir. Oben am Damm nimmt uns ein Landstürmer in Empfang und treibt uns vor sich her. Er ist froh, den Douaumont nicht mitstürmen zu brauchen.
Der ist längst geräumt. Diesmal hat die französische Artillerie ganze Arbeit gemacht. Die Infanterie fand nur noch zerschossenes Gemäuer und eine Handvoll Versprengter vor .


[Der von 2.50 [nachmittags] ab zögernd in dichten Kolonnen vorgehende Franzose war im Abschnitt südlich des Forts auf keinen Widerstand mehr gestoßen. Ein paar Überlebende von den Reserve 90ern und dem II. Batl. Res. Inf. Regt. 27, das in der vorigen Nacht abgelöst hatte, standen bis an den Bauch im Schlamm. Gewehre und Handgranaten hatten sie nicht mehr. Verteidigen konnten sie sich nicht mehr. Zurückgehen konnten sie nicht mehr. […], Beumelburg, S. 160]



(zeitgen. frz. Postkarte, Aufnahme vom 25.10.1916)
Wir befinden uns jetzt an der vordersten Stellung. Grauenhaft sieht es hier aus. Kein Graben mehr, kein Unterstand – alles nur Trichter und zerfetzte Leiber. Hier liegen sie irgendwo, all die guten Kameraden – hier liegt die ganze Kompanie!
Weshalb hat man sie nicht vorzeitig aus dieser unmöglichen Stellung zurückgezogen? Ein Nahkampf Mann gegen Mann weiter hinten wäre ihnen tausendmal lieber gewesen, als dieses Verbluten im feindlichen Feuer.
Unser Mann treibt uns voran. »Allez, allez, nom de Dieu!«, schimpft er, wenn wir auseinandergehen, um einem Granattrichter auszuweichen.

Reservetruppen strömen an uns vorüber. Es sind Senegalneger, Gruppen zu acht, von zwei Franzosen geführt. Sie alle stehen unter Alkohol. Stier ist ihr Blick und grässlich ihre Physiognomie. Einige haben ein Messer zwischen den Zähnen .


[Der Douaumont wurde durch das Régiment d'infanterie coloniale du Maroc (RICM) eingenommen. Verstärkt wurde es durch das 43. Bataillon des Tirailleurs Sénégalais (43e BTS) und anderen kolonialen Einheiten.]

»Das ist keine Reklame für euch Franzosen«, denke ich und wende mich ab. Drüben bleibt plötzlich einer stehen und legt auf uns an in seinem besoffenen Kopf. Er schießt, trifft aber nicht und taumelt weiter.
Wir sind in der französischen Stellung angekommen. Hier sieht man wenigstens noch den Graben. Vor mir liegen zwei Franzosen mit dem Gesicht in einer Blutlache. Ein Pfarrer schlägt gerade das Kreuz über ihnen und läuft dann hurtig weiter in seiner braunen Kutte. Er sucht Sterbende, denen er die Sakramente geben möchte, findet aber nur Tote.
»Respekt vor diesem Mann«, denke ich, »hat es nicht nötig, sich ein Stück Eisen in den Leib jagen zu lassen und ist doch ganz vorn bei seiner Truppe. Er tut seine Pflicht im Dienste der Kirche. Sie taten sie für ihr Vaterland.«

Wir springen in einen Laufgraben. Ein prächtiges Reitpferd versperrt uns den Weg. Erst vor wenigen Augenblicken musste es den Tod gefunden haben. Der Reiter liegt darunter.
»Allez, allez!«, schreit der Franzose. Wir steigen darüber hinweg.
Es geht bergab, der Graben wird tiefer. Vor uns taucht die französische Artilleriestellung auf. Ein Höhenrücken von oben bis unten mit Geschützen bespickt. Terassenförmig sind sie aufgebaut. Die Franzosen feuern heraus, was die Rohre halten wollen. In Hemdsärmeln arbeiten sie.
Von allen Seiten strömen Gefangene im Hauptgraben zusammen. Die Menschenmassen stauen sich.
Da setzt plötzlich unsere Artillerie ein, die wir in den letzten Tagen so sehr vermisst haben. Wieder ein Schuss mit-ten hinein in die Menge. Die Leiber fliegen in die Luft. Von hinten treiben die Franzosen mit ihren Bajonetten. Panik bricht aus, man stürzt über die Gefallenen und Verwundeten hinweg. Unsere eigenen Landsleute schießen uns zusammen.
Die Massen stauen sich. Wir stehen vor einem Zwischenwerk der »Froide Terre«, sind aber in eine Sackgasse hineingelaufen.
Rrrrrach – wir fliegen gegen die Grabenwand. Ein Volltreffer! Das französische Geschütz, welches 30m rechts von uns feuerte, ist nicht mehr. Fünf tapfere Kerle sind in Stücke gerissen worden.
Rrrrrach – der Nächste auf den Eingang zum Werk. Balken und Steine kommen herunter. Splitter zischen hinein in die Menge. Ich werde nach vorn gedrängt. Vor mir liegt ein Leutnant auf dem Gesicht. Blut quillt rot aus seinem Mund. Die Hand ist ihm abgerissen, er stöhnt. Ich kann mich nicht zu ihm bücken, denn die Menge wogt zurück.
Der nächste Schuss trifft das Werk in seinem Lebensnerv – er schlägt durch. Die Franzosen stürzen heraus und prügeln auf uns los.
Neben mir brüllt einer seinen Schmerz hinaus, es ist ihm ein Arm abgerissen worden, er sackt zusammen. Mit blutüberströmtem Gesicht steht ein anderer an einer Grabenwand. Ich selbst fühle einen stechenden Schmerz am linken Schienbein. Heiß läuft das Blut herab und füllt die Stiefel.
»Allez, allez!«, schreien die Begleitmannschaften, die mit aufgepflanztem Seitengewehr auf der Grabenkante mitlaufen.
»Sales boches!«, brüllen uns die anderen an und machen dabei eine vielsagende Arm- und Schulterbewegung. Also in die Schnauze schlagen möchten sie uns am liebsten.
Man wirft mit Dreck nach uns. Andere wieder sind vernünftig.
Wir sind am Ziel. Ein Zaun auf freiem Feld nimmt uns auf. Erschöpft sinke ich in die Knie. Das war zuviel für meinen jungen Körper.
Ich blicke auf in den abendlichen Himmel. Ruhig und majestätisch zieht die Erde ihre Bahn im unermesslichen All. Mögen die törichten Menschen sich auch irgendwo an ihrer Oberfläche befehden und aus tausend Feuerschlünden Pulver und Eisen auf sich schleudern, nicht um ein Atom ändert sie ihren Lauf. Zur festgesetzten Stunde lässt sie es Abend werden und senkt den Frieden der Natur herab auf jedes Ding und in die Seele jeder Kreatur.
Feierabend ist es – herbstlicher Feierabend, wie er mir noch so deutlich aus meinem Heimatdorfe in Erinnerung ist. Ich sehe den Bauer heimkehren mit seinen Leuten. Das Rattern der Wagen und das Schleifen der Eggen dringen an mein Ohr. Ich sehe sie vom Hofe kommen, die Alten, die ihr Vieh besorgt haben. Sie setzen sich vor die Tür oder plaudern über den Zaun.
Friede, heimatlicher Friede – oh, wie ich ihn herbeisehne! Kaum, dass ich die Heimat verlor, lerne ich sie schätzen!
Meine Gedanken enteilen in weite Fernen, zu den Eltern, die um ihren Sohn bangen. Möchten doch die Ätherwellen ihnen verkünden, dass er noch unter den Lebenden weilt!

Bajonette blitzen vor mir auf und rufen mich in die Wirklichkeit zurück. Rechts und links und weit in das Land hinein speien unzählige Schlünde Feuer in den abendlichen Himmel hinaus. Die Menschen hier kennen keinen Feierabend. Sie hören nicht mehr die Stimme der Natur, denn es ist Krieg. Willkommen heißen sie die Nacht, um ihr Vernichtungswerk vollenden zu können.
Drüben liegt Deutschland! Drüben sterben sie, unsere Landsleute, für ihr Vaterland! Wir aber stehen mit geballten Fäusten und sehen die schweren Geschosse im abendlichen Himmel ihren Weg nehmen!
Und dann beginnt der Marsch – der Marsch ins Innere Frankreichs hinein. Eine ganze Kompanie Landstürmer steht mit aufgepflanztem Seitengewehr Spalier. Man nimmt uns in die Mitte und treibt mit viel Geschrei und Schimpf die Letzten vom Feld.
Wir werden gezählt.

Sonntag, 4. Januar 2015

1. An der Front: Gefangennahme - II

»Allez, en avant!«, ertönt das Kommando. Langsam und von manchem Seufzer begleitet, setzen sich die müden, zerschundenen Knochen in Bewegung. Gespenstisch be-wegt sich der Zug durch die Nacht. Schlürfend ziehen wir die schmerzenden Füße nach. Unser abgestumpfter Blick hängt an den Fersen des Vordermannes. Alles ist uns gleich, wir sind abgekämpft.
Jeder Schritt ins fremde Land hinein ist ein Stück von unserem Herzen. Mühsam schleppen wir uns auf grundlosen Feldwegen vorwärts, kein Wort kommt über unsere Lippen. Nur die Franzosen reden und schimpfen. Aufgeregt und zappelig wie Schäferhunde pendeln sie an unserer Seite.
Jetzt habe ich einen ganz Schlimmen neben mir.
»A droit – nach rechts!«, schreit er mich an und gibt mir einen Stoss, dass ich an meinem Nebenmann Halt suchen muss.
»Nach rechts habe ich gesagt, du dreckiges Schwein!«, schimpft er weiter auf französisch und rempelt den Nächsten an.
»Ich kann nichts verstehen«, sagt der ärgerlich.
»Ah, nix verstehen, nix verstehen!«, zappelt er vor ihm herum, »Fressen und Köpfe abschneiden, das könnt ihr – aber keine Ordnung halten, ihr Drecksäcke! Werden Euch noch Ordnung beibringen!«
»Sales boches, sales cochons!«, führen sie alle im Munde. Hart ist ihre Sprache und barsch ihr Ton. Hass spricht aus jedem Wort. Sie wissen nicht, dass man wehrlose Menschen, die ihre Pflicht taten, achten soll.
Wir verzeihen ihnen, denn sie müssen um unsereswillen durch die Nacht marschieren. Im Zorn ist der Mensch leicht ungerecht.
Heiß sind die Glieder und trocken der Gaumen, uns alle quält der Durst.
»Hast du keinen Schluck Wasser?«, stöhnt mein Nebenmann.
»Schmachte selbst danach!«, bringe ich mit angestrengter Stimme heraus.
Jetzt endlich fasst unser Fuß Pflaster. Wir marschieren auf dem Hauptzubringer von Verdun.
Endlose Ketten von Munitions- und Fourage-Transporten rattern an uns vorüber.
»A droit!«, tönt es monoton den Zug entlang.
Mein Fuß schmerzt immer heftiger. Der Durst wird unerträglich. Ich hänge die Zunge heraus, wie ein lechzender Hund, weil ich mir einbilde, die Feuchtigkeit der Luft so besser einfangen zu können. Seit 48 Stunden habe ich nichts getrunken.
In der Ferne zeichnen sich die Lichter der Stadt Verdun am Himmel ab. Dahin wollen sie uns also bringen.
Ich schätze drei Kilometer. »Das werde ich noch schaffen. Nur nicht liegenbleiben!«, denke ich, »Hier sind wir noch im Operationsgebiet, wer fragt danach, wenn man mich für immer liegen lässt?«
Noch einmal hören wir den Einschlag deutscher Granaten, dann stehen wir vor den Toren von Verdun. Es ist neun Uhr abends. Ein altes Stadttor nimmt uns auf. Nur stellenweise sind die Häuser erhalten.

Die Tore von Verdun (Foto eines US Soldaten v. Ausgang des
franz. Offiziercasinos aus aufgenommen, 1917)
Überall sieht man die verheerende Wirkung unserer schweren Artillerie, kahl und schwarz ragen die Brandmauern aus den Trümmern hervor. Im Schutt schwelt das Feuer.
»Halte la!«, heißt es am anderen Ende der Stadt.
Gott sei Dank, wir sind da! Wohl keiner, der nicht im nächsten Augenblick an der Erde liegt. Wo, das ist gleich! »Wasser, Wasser!«, geht ein Raunen durch die Menge. Irgendwo musste man Wasser entdeckt haben.

In der Tat – weiter vorn steht ein Dorfbrunnen.
Aber nur wenigen ist es möglich, eine Handvoll zu schöpfen, denn die Franzosen schlagen mit dem Kolben dazwischen und treiben sie in Reih und Glied.
Ich versuche, meinen Stiefel auszuziehen. Es gelingt mir nicht, denn der Fuß ist geschwollen.
Vor mir steht einer auf Strümpfen, er hatte die Stiefel bei der Gefangennahme stecken lassen.
»Hast du keine Fußlappen, Kamerad?«, fragt er.
»Leider nicht!«, gebe ich zur Antwort.
Er wendet sich an den Nächsten und bettelt sich so Lappen zusammen, die er um seine wunden Füße wickeln kann.
»Allez, allez!«, ertönt es von allen Seiten. Man treibt uns zusammen. Pferdehufe poltern auf hartem Pflaster. Die Kavallerie säumt uns ein.
Will man uns noch weiterschaffen? In der Tat!
»Allez, en avant!«, ertönt das Kommando.
Pferde tänzeln an unserer Seite, Lanzen blitzen über unseren Häuptern. Mit verschärftem Tempo treibt man uns wieder in die dunkle Nacht hinaus.
Endlos ist der Weg und eintönig die Landstrasse. Der letzte Schweiß klebt auf meiner Stirn. Schwer sind die Glieder und schlapp die Sehnen. Es geht nicht mehr. Ich kann die Beine nur noch nach vorn bringen, indem ich die Hüften anhebe durch Biegen des Körpers von links nach rechts.
Der Erste bricht zusammen, mitten auf der Landstrasse. Wir müssen um ihn herum gehen, keiner ist im stande, ihm zu helfen.
Was sie wohl mit ihm machen werden? Verzweifelnd beiße ich auf meine trockenen Lippen.
Es muss noch gehen. Ich darf mich nicht aufgeben!
Wieder bleibt einer liegen. Angstvoll und gequält stöhnt er im Graben abseits. Ein Posten bleibt bei ihm, der andere soll schon wieder zurück sein.
Man flüstert etwas von »kalt gemacht«. Ich kann es kaum glauben, sollte es wirklich Soldaten geben, die in uns nicht den Gefangenen, sondern nur immer den Feind sehen, den sie ungestraft beseitigen können?
Nur nicht liegen bleiben, nein, nur nicht liegen bleiben!
Körper gibt seine letzten Reserven her! Du hast sie noch, ich weiß es, nur jetzt nicht geizen!
Fest pressen sich die trockenen Lippen aufeinander.
[...]In der Ferne sucht ein Scheinwerfer den Himmel ab.
Dahin müssen wir sicher noch!
Enttäuschung und letzte Hoffnung zugleich!
Es ist drei Uhr in der Frühe. Wir sind mit einer Unterbrechung in Verdun bereits neun Stunden unterwegs und waren doch schon zermürbt, als man uns gefangen nahm.
Was doch ein Körper zu leisten vermag, wenn ein eiserner Wille und ein letztes »Muss« dahinter stehen!
Der Tag graut! Ich schleppe mich mit letzter Kraft weiter.
Wir passieren ein Dorf und stehen plötzlich vor einem eingezäunten Feld.
Am Ziel! Gott sei Dank!

Das Kriegsgefangenlager heute: ein Maisfeld, 2014
Die Kavallerie rückt ab. Bajonette blitzen wieder auf. Man zählt uns und zehn Minuten später stehen wir hinter dem Stacheldraht auf grundlosem, aufgeweichtem Ackerboden.
Wohl keiner, der nicht dort zusammenbricht, wo er gerade steht .
Ich schlafe wie ein Toter im Dreck, bis mich ein Schüttelfrost nach drei Stunden plötzlich empor fahren lässt.
Mein Fuß schmerzt mich. Ich versuche, den Stiefel auszuziehen. Es gelingt mir aber nicht.
»Aufschneiden!«, meint einer neben mir und fährt mit seinem Käsemesser hinein in das Loch, welches mir ein Granatsplitter gerissen hat.
»Junge, Junge, da hast du aber Schwein gehabt!«, sagt er und hält den Splitter in der Hand, ein scheußlich gezacktes Eisenstück. In der umgelegten Hose hatte er seine Durchschlagskraft verloren und nur eine Fleischwunde verursacht.
Ich werfe den blutgetränkten Fußlappen fort, reiße mir ein Stück vom Unterzeug herunter und fahre erleichtert hinein in den zerschnittenen Stiefel.