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Freitag, 9. Januar 2015

1. An der Front: [Wirrwarr]

Vorangestellt ein kurzer ergänzender Abschnitt zur taktischen Lage zu Begin der Erzählung:

Blick vom Douaumont 2014
Am 25. Februar verloren die Franzosen im Rahmen der "Operation Gericht" das Fort Douaumont an die deutschen Truppen. Nach den vielen gescheiterten Versuchen seitdem, sollte es endgültig zurückerobert werden. Zur Vorbereitung des Großangriffs ließ General Nivelle etwa 600 Geschütze heranführen.
Die Vorbereitungen des Angriffes der französichen Infanterie begannen am 19. Oktober, um 2:30 Uhr Nachmittags, durch das Einschießen auf das Angriffsgebiet und die dahinterliegenden Versorgungswege der dt. Truppen.

Am Folgetag [21. Oktober] begann ein bisher nicht dagewesenes Feuer auf den Douaumont. Eine Verstärkung oder Ablösung der Truppen in der vordersten Linie war bereits nicht mehr möglich.
Nach Mitternacht [22. Oktober] war die Verbindung der dt. Stäbe zu ihren Einheiten an der Front endgültig abgerissen.


Nach dem allgemeinen Ablöseprogramm der 54. I.D. [Infanterie Division] sollte in der Nacht vom 22. zum 23. Oktober der linke Abschnitt (Fleury-Süd) von einem Bataillon des Res.Inf.Regt. 27 abgelöst werden. In der nächsten Nacht sollte dann die Ablösung im rechten Unterabschnitt erfolgen.
Die Führung, die unmittelbar vor dem Angriff nicht noch ein weiteres Regiment vom Artilleriefeuer zerschlagen lassen wollte, das sie nachher zum Gegenstoß bitter nötig haben würde, gab Gegenbefehle. Die Ablösung wurde vorerst um vierundzwanzig Stunden verschoben.   
Infolge der gestörten Fernsprechverbindungen erhielt Oberstlt. Schäffer [Rgts.Kdr vom Dienst auf dem Douaumont, RIR90] die mehrfach geänderten Ablösebefehle nicht richtig und ordnete dennoch an, dass die 5. und 6. Kompanie mit den zugeteilten M.G. in der Nacht vom 22./23.10. vorn ablösten…
[Dahlmann, Reinhold (Hrsg): Reserve-Infanterieregiment Nr. 27 im Weltkriege, Berlin 1934, S. 245]




(c) Sven Janke

Donnerstag, 8. Januar 2015

1. An der Front: Kampf um den Douaumont - I

[22. Oktober 1916
„Halberstädter Lager“/ bei Azannes,
ca. 12 km vor Fort Douaumont]



Helm ab zum Gebet!

Tiefes Schweigen liegt über der Kompanie [ca. 100 Mann], die auf fremder Erde zum Feldgottesdienst angetreten ist.
Ein jeder sammelt sich noch einmal in der Erinnerung an die Heimat, für die er in wenigen Stunden im Kampf um Douaumont sein Leben einsetzen wird.
Aus rauen, ungeübten Männerkehlen dringt ein Choral hinaus in den Äther. Der kalte Herbstwind nimmt uns die Worte von den Lippen und trägt sie über ödes Etappengelände hinweg zu den jenseitigen Höhen. Wie dumpfer Trommelwirbel antworten aus der Ferne die Geschütze, welche der Feind für die Generaloffensive eingesetzt hat. Ihr tiefes Grollen ersetzt die Orgel in diesem weiten Dom der Andacht.
Wir rücken ab in die Quartiere über unwegsames Gelände, das der Dauerregen in den letzten Tagen aufgeweicht hat. Selbst die Laufstege zwischen den Baracken sind stellenweise verschwunden – im Schlamm versunken.
Schnell werden die letzten Vorbereitungen getroffen, Eiserne Rationen empfangen, gepackt was notwendig oder lieb und wert ist, und manch kleiner Talisman wandert heimlich an seinen alten Platz, manch lieber Brief in die Brusttasche.
Das Signal zum Antreten ertönt. Die Kompanie steht. »Mit Gruppen rechts schwenkt, ohne Tritt  – Marsch!«
Der Tornister drückt, das Koppel zieht nach unten, der Marsch beginnt – der Marsch ins Ungewisse!

Es ist nachmittags drei Uhr – wir schreiben den 22. Oktober 1916. Noch einmal bricht die Sonne durch. Herbstliche Stimmung liegt über der Landschaft, die uns im Verlauf der Zeit schon vertraut geworden ist. Feindesland ringsherum, vor uns die Front und im Rücken die Heimat für die wir kämpfen, für die wir – wenn es das Schicksal will – zu sterben bereit sind.
Monoton klingt der Marschschritt durch die Viererreihen. Es wird kaum gesprochen. Ein jeder sammelt sich für den bevorstehenden Kampf. Die Stunden vergehen. Wir befinden uns auf der Hauptstrasse von Azannes. Die Dämmerung bricht herein und ruft ein emsiges Leben und Treiben wach. Jetzt wird die Nacht zum Tag gemacht. Bevor der neue Tag anbricht, muss unendlich viel geschehen. [...]

Azannes 2014
Azannes ist erreicht. Ein Dorf, nur noch auf Abbruch zu verkaufen. Wir biegen rechts vom Wege ab und gehen querfeldein auf eine Waldecke zu. Noch sind der Weg und die nächste Umgebung zu erkennen. Hörbarer wird der Donner der Geschütze.
[...] Wir marschieren über blutgetränkte Erde. Hier hatten unsere tapferen Truppen im Februar den Widerstand des Feindes gebrochen. Mit einer Bravour sondergleichen hatten sie damals alles überrannt, was ihnen in den Weg kam. Wir gehen vorüber an den ehemaligen Stellungen, Gräben, Sappen, Unterständen, Drahtverhauen, genau so wie man es damals verlassen hatte.
Der letzte Schein des abendlichen Himmels lässt die schlichten Holzkreuze, die zu hunderten hier aufgestellt sind, wie Silhouetten am Horizont erscheinen. Hie und da leuchten uns die ausgeblichenen Knochen eines Pferdeskelettes an. Stätten des Grauens und Wahrzeichen schlichten Heldentums.
Mein Nebenmann schiebt mir ein Stück Papier zu, die Adresse seiner Eltern. »Wenn ich nicht zurückkommen sollte«, sagt er mit leicht erregter Stimme. Ich habe ihn, der mir in kurzer Zeit schon ein lieber Kamerad geworden ist, nicht wiedergesehen. Auch er ruht in fremder Erde unter einem der schlichten Holzkreuze.
Wir sind vom Res.I.R.27. [...]

Ornes - zerstörtes Dorf 2014
Vier Volltreffer gehen in das Dorf Ornes hinein, welches etwa 100m links von uns liegt. Die Pferde scheuen, sie rasen den Hang zu uns hinauf. Fuhjie zirrr, fuhjie zirrr – die zweite Batterie! Die Brocken fliegen uns um die Ohren. [...] Wir flüchten in den nächsten Graben.
Einige geringfügige Verwundungen hat es doch gegeben und einer unserer Jüngsten hat einen Nervenschock bekommen. Er zittert am ganzen Leibe und weint aus tiefster Seele vor sich hin – untröstlich. Ich versuche es in Güte, ich nenne ihn einen »Schlappschwanz« – er weint fortgesetzt und fährt zusammen, wenn eine Granate über uns hinweg heult oder in der Nähe krepiert.
Jetzt taucht Leutnant Mohr im Graben auf. Er überzeugt sich, ob alles da ist, schärft mir noch einmal ein, dass ich den Glycerinbehälter heil auf den Douaumont bringen muss, staucht den Jämmerling neben mir zusammen, nennt ihn einen Scheisskerl und verschwindet in der Sappe [Schützengraben ].
»Fertigmachen«, wird durchgegeben.
»Alles auf Tuchfühlung gehen!«
Langsam kriechen wir aus dem Graben heraus. Der Marsch beginnt. Stockfinster ist die Nacht. Die Sinne schärfen sich, angestrengt sucht das Auge den Weg. Leutnant Mohr führt. Es geht bergab im Kabelgraben der Brûles - Schlucht zu. In wenigen Minuten werden wir die Sperrfeuerlinie erreicht haben.
Fjuü - rrrach – dicht neben uns! Zirrrrr saust ein Splitter über uns hinweg. Unser Tempo wird lebhafter. Wir stolpern hinein in das Dunkel. Fjuu - rrrrach – fjuuu - rrrrach – wir sind mitten im Feuerbereich. »Verbindung halten«, gibt man durch. »Verbindung halten«, murmelt jeder nach. Irgendwo in der Ferne steigt eine Leuchtkugel auf. Fahles Licht enthüllt für Augenblicke die nächste Umgebung. Überall aufgewühltes Erdreich, entwurzelte Bäume, abgemähter Wald ein einziges Trichterfeld rechts und links. Wir biegen in die Brûles - Schlucht ein.

Eingang zur Brûle Schlucht 2014, der Weg führt nach links
Die Nacht ist zur Hölle geworden. Um uns schlagen die Granaten in dichter Folge ein. Ich verfolge mit geübtem Ohr jede einzelne, ihr Jaulen und ihren Einschlag. Fuhjiebamm – das war zu kurz. Wie ein Knäuel fliegen vier Mann durcheinander. Ich bekomme einen dumpfen Schlag an den Kopf, Funken sprühen vor meinen Augen – es wird Nacht um mich. Ganz von ferne vernehme ich Stimmen. Unter mir bewegt sich etwas. »Verflucht noch mal!«, höre ich. Ich bin wieder wach. [...]
»Weiter, weiter, Verbindung halten, vorwärts!«, ruft man hinter uns.
»Blödsinn bei dem Feuer!«, stöhnt einer hinter mir, der aufgerückt war. Herzzerreißend wimmert ein Verwundeter am Wege. Ein Sanitäter ist bei ihm, die anderen stürzen vorüber. Wieder einer, der liegen bleibt – noch einer.
Brûle Schlucht 2014
Wie ein gehetztes Wild stürze ich vorwärts, jeden Augenblick das tödliche Eisen erwartend. Rrrrrach – 20m vor mir. »Das hat Tote gegeben«, denke ich und raffe mich wieder auf.
Der Zug steht plötzlich. Unheimlich jeder Augenblick des Wartens in diesem Feuer. »Was ist denn los?« Wir geben die Lage nach vorn weiter. »Verbindung abgerissen!«, kommt es zurück. Unaufhaltsam schiebt man von hinten nach. Die Ersten treibt es ins Ungewisse hinein. Feldwebel Quedenfeldt hat die Führung übernommen; er trifft Pioniere, die wissen wollen, wo das Feuer nicht so stark ist. Wir sind am Fortberg [Berg des Fort Douaumont] angekommen. Jetzt heißt es hinauf, so schnell das eben möglich ist. Ich bin in Schweiß gebadet. Die Kräfte lassen nach – ich merke das, ich stehe nicht mehr so fest. Soll ich liegen bleiben? Soll ich laut in die Nacht hinausschreien, was meine Seele quält. Ist das nicht alles Wahnsinn ringsherum? Sind die Menschen verrückt geworden? Wozu dieses Schlachten und Morden?
Ich weiß nicht mehr, was ich tue, ich hetze nur vorwärts, stolpere, falle, raffe mich wieder auf und folge wie betäubt meinem Vordermann. Bis über die Knie versinke ich im Schlamm eines Granatloches. Der Stiefel bleibt stecken – ich erwische die Strippe.
Übermenschlich ist die Anstrengung, herauszukommen. Ich bin eben schon zu schwach. Mein Vordermann verschwindet im Dunkel der Nacht. Wo bleiben die anderen? Ich schreie: »Kamerad!« – schreie und schreie, doch niemand hört mich mehr. Ich taumele im Trichterfeld umher. Mehr instinktiv, als bewusst findet sich mein Fuß auf den Rändern der Granatlöcher zurecht. Da, rechts ein Wasserspiegel – zwei Gestalten sitzen bis über die Brust darin. Ich rufe, ich schreie mit ganzem Stimmaufwand: »Kameraden!« – keine Antwort!
Rrrach, rrrach – rechts und links von mir. Ich kann mich nicht mehr hinwerfen, um vor Splittern geschützt zu sein. Rrrrrach – dicht hinter mir! Der Luftdruck wirft mich in einen Trichter hinein – ich gebe auf. Es ist zu Ende mit mir. Zehn Minuten früher oder später tot, mir ist es gleich! Hier komme ich doch nicht wieder heraus! Der Berg erbebt, ringsherum streut die leichte Feldartillerie, der Kegel selbst wird mit 40cm Geschossen bepflastert.

Der Graben am Haupteingang in nördliche Richtung 2014
Ich liege im Schlamm. Leises Summen, wie das eines Fliegers dringt an mein Ohr. Sonderbar – das musste doch das Fort sein! Ob ich es noch einmal versuche? Ich musste es ja, wollte ich hier nicht umkommen! Auf allen Vieren arbeite ich mich heraus, die Füße wollen mich nicht mehr tragen. Ich balanciere auf den Trichterkanten herum, rutsche aus, arbeite mich wieder heraus. Der Schweiß läuft mir in Bächen den Körper herunter, das Herz schlägt mit letzter Kraft. Granaten zischen über mich hinweg. Rrrrach – ein ganz Großer bringt mich wieder aus dem Gleichgewicht. Ich stürze drei, vier, fünf Meter hinab, schlage hart auf und werde ohnmächtig wie ein Lappen nach vorn gerissen – ins Licht, ins Fort hinein!

Verschwommen tanzen Gestalten vor meinen Augen, ich höre Stimmen. Dann wird es Nacht um mich, ich breche zusammen.

Der Hauptgang im Ft. Douaumont 2014
Als ich wieder erwache, liege ich im Hauptgang auf einer Seitenbank mit geöffnetem Waffenrock und gelöster Halsbinde. Ein Sanitäter reicht mir einen Kognak.
»Was abgekriegt?«, fragt er. Ich taste meinen Kopf ab »Weiß nicht!« – er geht weiter.
Kalt zieht es durch den Gang – ich bin wie im Schweiß gebadet und bekomme eine Gänsehaut nach der anderen. Alle frieren sie, dösen vor sich hin und kauern sich in eine Ecke, während der Betrieb in den Gängen seinen Fortgang nimmt. Bald packt mich die Erschöpfung wieder und ich schlafe ein.



Mittwoch, 7. Januar 2015

1. An der Front: Kampf um den Douaumont - II

[23. Oktober 1916]
Um Mitternacht stößt mich jemand an: »Los, fertigmachen!« Ich raffe mich zusammen und stehe wieder in Reih und Glied.
Da kommt Leutnant Mohr aus den unteren Gängen herauf. »Abschnallen, wir gehen erst um drei Uhr – unmöglich jetzt bei dem Sperrfeuer!«
Die Alten brummen und nehmen ihren Platz wieder ein. Mich haben die paar Stunden Schlaf wieder frisch gemacht. Das ist der Vorteil der Jugend.
Ich pendele durch die Gänge des Forts. Überall, wo ich auch bin, verfolgt mich das Summen des Motors, der das Fort mit Licht und frischer Luft versorgt und dem ich es verdanke, dass ich vor wenigen Stunden den Eingang zum Fort gefunden habe.

Endlich ist es soweit! Wir treten an und werden gezählt – es fehlen sieben, die das Fort nicht erreicht haben.
Leutnant Mohr gibt noch einmal kurz und eindringlich Verhaltensregeln bekannt und dann steigen wir hinab über Treppen durch halbdunkle Gänge bis wir durch den zerschossenen Aufgang ins Freie gelangen.
Finsternis umfängt uns – drüben blitzen die Geschütze auf. Über uns hinweg gurgeln und jaulen die Granaten ihr altes Lied, hinter uns krepieren sie mit unheimlichem Getöse. Für einen Augenblick klopft das gequälte Herz wie immer, wenn es zum Angriff geht, dann wird es ruhig – eisern ruhig, als ob alles so selbstverständlich wäre – das Leben und das »Sterben«.
[...]
Nun stehen wir wieder draußen im Feuer. Ringsherum streckt der Tod seine Knochenfinger nach uns aus. Aber wir achten nicht mehr darauf. Der Tod ist uns ein Bekannter geworden – und vielen von uns sogar ein guter Bekannter.
Schweigend folgen wir einander durch den Laufgraben am Nordhang des Forts. Grundlos ist der Weg – der Schlamm läuft uns in die Stiefelschäfte hinein.
Ich kann nur noch in gebückter Haltung, die Hände ständig an den Strippen, vorwärtskommen. Glucksend und gurgelnd löst sich der Fuß aus dem Schlick. Eine Strippe reißt ab – noch eine – ich schneide Löcher in die Schäfte, der Rücken schmerzt.
»Verfluchte Schweinerei!«, flucht mein Vordermann. Er hat im Fallen beide Stiefel stecken lassen und steht nun bis über die Knie im Schlamm. Vergebens sucht er danach. Er muss barfuß zurück zum Fort und viele andere mit ihm.
Leutnant Mohr hatte recht daran getan, die Zeit unseres Aufbruches zu verlegen.
Das Gelände bis zur vordersten Stellung, welches wir jetzt mit Eilschritten durchmessen, wird nicht so stark beschossen. Die leichte Feldartillerie schickt nur einige kleine Sachen herüber, die wir weiter nicht ernst nehmen. Dagegen machen uns jetzt die Leuchtkugeln zu schaffen. Von beiden Seiten werden sie abgeschossen. Taghell ist das ganze Gelände beleuchtet. Drüben liegen die Franzosen auf der Lauer und versuchen abzuschießen, was sie in ihr Visier bekommen. Wir hocken in den Granatlöchern und warten auf einen günstigen Moment. Eben senkt sich das Licht zur Erde. Noch geblendet stolpern wir vorwärts. Platt und regungslos liegen wir wieder da, wenn sich die nächste Rakete entfaltet.
Vor uns sehen wir bereits die Reservestellung, den Bahndamm Fleury-Vaux. Etwa 200m sind es noch. Unteroffizier Hansen liegt plötzlich neben mir. »Ein glücklicher Zufall!«, denke ich, denn ich fühle mich an seiner Seite geborgen. Er kennt das Gelände wie seine linke Westentasche.
»Viel zu spät rausgekrochen!«, schimpft er vor sich hin. Sein geübtes Ohr hat bereits das von links einsetzende Sperrfeuer vernommen. Wie ein Orkan braust die Feuerserie heran, sie gilt der Reservestellung. Leuchtkugeln steigen auf.
[...]

Der Bahndamm Blick Richtung Westen, 2014
Nach zehn Minuten flaut das Feuer ab. Zwei Minuten später stehen wir am Bahndamm, ausgepumpt und erschöpft. Vor einem tiefen Stollen steht Leutnant Mohr. Er sieht Hansen – sie geben sich die Hand.
»Hat noch verhältnismäßig gut gegangen«, sagt er, »Sechs Verwundete, einer schwer, habe ihn eben holen lassen.« Er zeigt auf zwei Sanitäter, die gerade vor dem Stollen absetzen. In einer Zeltbahn, die an einem Tragknüppel befestigt ist, liegt er, der Ärmste und brüllt fürchterlich.

»Was hat er?«, fragt Leutnant Mohr.
»Bauchschuss!«, ist die Antwort.
»Wer ist es?«, erkundigt sich Hansen.
»Gefreiter Müller«, antwortet Leutnant Mohr, »einer unserer Besten. Habe die andern bereits nach vorn geschickt. Es war die höchste Zeit«, er zeigt nach Osten, wo der Himmel, sich schon aufhellt. »Sie bleiben mit zwei MG-Mannschaften hier in Reservestellung. Sobald ich sie brauche, kommen sie nach.«
»M. und Pfahl, MG am Bahnkörper übernehmen«, ruft Hansen in den Stollen hinein. Wir krabbeln hinaus. An halber Höhe des Bahndammes finden wir ein Loch, so groß, dass zwei Mann bequem darin Platz haben.
»Verdammt windige Bude«, meint Pfahl und kriecht hinein. Ich folge schnell, denn der Franzose trommelt wieder. In der äußersten Ecke finden wir gut verpackt zwei MG und die nötige Munition. Wir hocken uns hin und erwar-ten den hereinbrechenden Tag. Wie die Pest stinkt es um uns herum und zu uns herauf. Wir zünden uns eine Zigarette an.
»Ich bin neugierig, wie das hier ausgeht«, unterbreche ich das Schweigen.
»Ich auch«, antwortet Pfahl und bläst den Qualm stoßweise in die Luft, während seine Augen die Decke unserer Behausung absuchen. Zwei morsche Schwellen ruhen auf wahllos aufeinander geschichteten Steinen. Von oben scheint der Tag zu uns herein. Vor dem Eingang hängt der Mantel eines Unbekannten, über dessen Gebeine ich am Hang gestolpert bin.
»Viel kann uns der Vorhang nicht nützen«, meint Pfahl, indem er versucht, einen herabgefallenen Zipfel zu befestigen.
»Wieso?«, frage ich, »Zum mindesten hält er den Wind ab und vielleicht fängt sich sogar ein Granatsplitter darin. Lockeres Zeug hält jede Kugel auf, den Beweis haben wir doch erst gestern am Fortberge gehabt.«
»Stimmt, hast recht«, antwortet Pfahl, »Der Brocken ges-tern wäre mir beinahe ins Kreuz gegangen.«

Der Anmarschweg zu den vordersten Linien am 23.10.1916
Es ist Tag geworden. Das Feuer hat nachgelassen – nur der Fortberg dampft noch. Wir krabbeln heraus und sehen uns die Gegend an. Ein wüstes Trümmerfeld ringsumher. Wie Streichhölzer geknickt stechen die Schienen gen Himmel. Zwischen Schwellen und Gestein liegen sie – bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.
Ich berühre die Stiefel eines Verschütteten, sie kippen um. Ein Arm ragt unter Steinen hervor. Fetzen von Kleidungsstücken bedecken den Hang. Leichengeruch schlägt uns entgegen.
Ein Flieger rast über uns hinweg, kaum dreißig Meter hoch. Wir verschwinden schnell in unserer Höhle.
[...]
Wir knabbern trockenen Zwieback. Unter uns dröhnt die Erde, wenn ein Schwerer den Bahndamm getroffen hat. Meistens flutschen die Granaten eben über den Bahnkör-per hinweg und verschwinden als Blindgänger vor uns im schlammigen Grunde. Wenn es aber ein Treffer ist, dann spritzen Dreck und Splitter zu uns herauf. »Gaaas, Gaaas!«, ruft der Posten des Hauptstollens hinaus.
Wir sehen durch ein Loch in unserem Vorhang weiße Schwaden ziehen und stülpen schnell die Gasmasken über. Flupp, flupp – kommen die Gasgranaten über den Damm. Langsam kriecht das Gas auf dem Boden dahin und senkt sich hinab in den Stollen. Plötzlich ein Kopf vor unserem Loch. »Habt ihr noch Gasmasken übrig?«
Wir finden noch eine und geben sie ihm mit.

Die Nacht bricht herein. Wie Gespenster huschen Gestalten im Grunde vorüber. Kaffeeträger sind es, die wegen dünner Brühe ihr Leben aufs Spiel setzen. Kaffee oder Wasser, das ist gleich. »Durst, Durst!«, schreien alle. Auch uns klebt die Zunge am Gaumen. Pfahl hatte bereits am Tage versucht, mit dem Stahlhelm Wasser aus einem Granatloch zu schöpfen.
»Leichenwasser«, schimpfte er, als er die Nase darüber hielt und goss es weg.
Der Franzmann trommelt unaufhörlich. Es hagelt förmlich Geschosse. Leuchtkugeln steigen auf.
Da irren sie herum im Trichterfeld. Verwundete sind es, die ihren Schmerz hinausschreien in das Dunkel der Nacht. Sie hören und sehen nichts mehr, sie streben nur noch instinktiv dem Fort zu. Ob sie es wohl erreichen?
»Kameraaad! Kameraaad!«, gellt es von links durch die Nacht. Herzzerreißend. So kann nur ein Wahnsinniger schreien! Er kommt näher. »Kameraaad! Kameraaad!«, weint er.
Ich Iaufe zu ihm hinab und blicke in das Gesicht eines Irrsinnigen. Entsetzlich verzerrte Züge, von Blut und Dreck verklebt – der starre Blick. »Kameraaad!«, schreit er unentwegt. Ich schleppe ihn zum Stollen. »Hier kann keiner mehr rein«, stöhnt einer, der auf der obersten Schwelle sitzt.
»Dieser muss noch rein!« entgegne ich hart und schiebe ihn nach vorn. Er rutscht und bleibt wimmernd am Eingang liegen.
Ich stürze zurück – über stinkende Massen hinweg zu meinem Erdloch. Die Nacht ist zur Hölle geworden, wie dumpfer Trommelwirbel dröhnt das Vernichtungsfeuer herüber aus vorderster Stellung. Der Bahndamm erzittert unter den gewaltigen Explosionen. Verwundete stöhnen vorüber.
Wir spähen mit schmerzenden Augen hinaus, jeden Augenblick den Angriff erwartend, denn der Morgen graut.

Dienstag, 6. Januar 2015

1. An der Front: Kampf um den Douaumont - III

[24. Oktober 1916]
Aus dem Morgennebel taucht langsam der Douaumont empor – nur noch ein aufgewühlter, blutgetränkter Erdhaufen. Links davon tritt der Höhenrücken »Kalte Erde« mit seinen Vorwerken hervor. Schwarze Pulvermassen schießen gen Himmel und lassen die Atmosphäre bis zu uns herüber erzittern. 40cm Geschosse sind es, mit denen der Franzmann das Fort zertrümmert.
[...]Nebelschwaden ziehen an unserem Hang vorüber. Ein Flieger fegt über uns hinweg – noch einer – ein Dritter sogar. Sie schießen mit dem MG auf unsere Kameraden in vorderster Stellung. Tatt tatt tatt tatt tatt tatt – stop – und wieder tatt tatt tatt tatt – jeder einzelne wird aufs Korn ge-nommen.
Jetzt wird es uns unheimlich in unserem Loch. Wir springen hinunter in den Hauptstollen. Unmöglich hineinzu-kommen – er ist bis an den Rand vollgestopft mit Verwundeten. Jammern und Stöhnen dringt herauf. Ein Sanitäter kommt gerade schweißtriefend vom Fort.
Er ist völlig verfahren und berichtet mit fliegendem Atem: »Das Fort ist vollkommen zerschossen, gestern hat einer durchgeschlagen mitten ins Lazarett hinein. Hundert Mann sind dabei draufgegangen. Die Kasematten sind auch zerschossen!« Sein Atem pfeift. Man gibt ihm einen Schluck Kaffee. Er fährt fort: »Das Fort müssen wir aufgeben. Gestern ist das ganze Munitionsdepot in die Luft geflogen, die 40cm Brocken hauen überall durch. Von den Pionieren ist keiner davon gekommen. Alles voll Gas, kein Mensch kann mehr aushalten.«
»Dann haben wir heute noch den Angriff zu erwarten«, stellt Hansen fest und nimmt uns mit zum Pionierstollen.
[...]
Hansen springt plötzlich auf.
»Wir müssen nach vorn!«, schreit er, »Los, sofort beide MG!«
Wir kriechen am Hang hinauf, denn das Feuer ist zum Orkan angeschwollen. Rrrrach – ein Treffer oberhalb unseres Unterschlupfes. Ein Hagel von Schutt und Steinen kommt auf uns herab.
Wir zerren unser MG hervor und prüfen noch einmal, ob alles klar ist. Die Munition haben wir weiter oben am Hang untergebracht. Ich will sehen, ob sie nicht verschüttet ist und krieche hinaus.
Der Mund bleibt mir für einen Augenblick offen stehen. »Die Franzosen!«, schreie ich Pfahl an, der blitzschnell die Situation erfasst und im Loch verschwindet, um das MG klar zu machen.
»Revolver! Handgranaten!«, brülle ich ihm zu. Wir raffen zusammen, was wir packen können.
Rrrrach - rrrsch – krepieren die Handgranaten vor uns. Die Kugeln pfeifen über unsere Köpfe hinweg. Die ersten Franzosen brechen in unserem Feuer zusammen. Unten am Damm schreien unsere Landsleute auf. Ein Feuerregen prasselt gegen den Damm. Von oben wirft man Handgranaten auf uns. Wir bleiben ihnen nichts schuldig – sie müssen vor unserer Stellung zu Boden. Jetzt geht es Mann gegen Mann.

Vor mir erhebt sich die Fratze eines Negers. Im nächsten Moment ist er erledigt. Hinter ihm schieben sich andere heran. Pfahl schafft Handgranaten herbei. »Das MG!«, schreie ich ihm zu. Aber es ist ein Verhängnis, wir können das MG nicht flott machen – man hat uns überrumpelt. Wir müssen uns also bis zur letzten Handgranate wehren. Der Dreck fliegt mir um die Ohren, die Splitter zirren an mir vorbei. Noch halte ich sie in Schach, blitzschnell tauche ich auf, blitzschnell verschwinde ich wieder in Deckung. Wenn Pfahl mir Munition aus dem Stollen bringt, kommen sie nicht durch. Ich schreie ihm zu: »Handgranaten!«, er aber verteidigt sich bereits in meinem Rücken. In Scharen kommen die Franzosen und Schwarzen rechts und links von uns über den Damm. Wir sind eingeschlossen!
Aus dem Stollen unten winkt ein weißes Tuch hervor. Hansen hatte inzwischen erkannt, das jeder Widerstand nutzlos gewesen wäre. Er will die Verwundeten schonen und außer denen, die bereits vor dem Stollen verblutet sind, keinen Mann mehr opfern.
Mir sinkt die Hand herab. Ehe ich das begreife, treibt mir die Wut die Tränen in die Augen. Alles nutzlos, alles vergebens, das kann nicht sein, das darf nicht sein. Der Kampf aus – verspielt! Nein, noch kann ich es nicht fassen. Ich wende mich den Angreifern von rechts zu. Meine Handgranaten fliegen jetzt den Hang hinab, mitten hinein in eine Gruppe Franzosen, die sich dem Stollen zuwendet. Jetzt haben sie mich erkannt. Gewehrfeuer prasselt gegen den Damm. Ich wundere mich nur, dass mich keine Kugel trifft. Im nächsten Augenblick bin ich in unserem Loch verschwunden. Pfahl ist im Stollen. Die nächsten Sekunden bringen das Ende. Die ersten von uns verlassen mit erhobenen Händen den Stollen.

Einhundertzwanzig Stunden haben die Franzosen unsere Stellung mit einem Hagel von Granaten überschüttet, alles haben sie in Grund und Boden geschossen. Zum ersten Male wendeten sie das rollende Feuer [Feuerwalze] an. Wie abgemessen liefen die Truppen hinter der Feuersalve her, die exakt von hundert zu hundert Meter vorverlegt wurde. Kaum war der Druck des Trommelfeuers gewichen, standen sie bereits vor uns.

"1. Gefangenschaft" fängt am 26.05.14 an.

Montag, 5. Januar 2015

1. An der Front: Gefangennahme - I

["[Schlimmer noch] vollzogen sich die Ereignisse am Bahndamm von Fleury. Die in den Stollen sitzenden Pioniere und die wenigen Infanteristen wurden überrascht und gefangen. Aus der vorderen Linie gelangte keiner bis zum Bahndamm zurück. Wieviele dort lebend gefangen wurden, ist nie ermittelt worden. Sie können nur nach Dutzend gezählt haben. Der zehnmal größere Teil war verschüttet … gefallen … verblutet …", Beumelburg, S. 160]

Im Ft. Douaumont wurden vier Offiziere (FAR 108: Hptm Prollius,
Lt. Möhring, Lt. Noack, RIR27:  Lt. Schwarz (6. Komp) und  24 Mann
gefangengenommen. (zeitgen. frz. Postkarte, Aufnahme vom 25.10.1916)  
Die Uhr zeigt zwei Uhr nachmittags. Wir müssen Spalier laufen, so dicht stehen die Franzosen.
»Allez, allez!«, schreien sie, spielen am Gewehrschloss und knallen in die Luft.
Man plündert uns aus. Wir bekommen Fußtritte und Kolbenstöße. Pfahl läuft vor mir. Oben am Damm nimmt uns ein Landstürmer in Empfang und treibt uns vor sich her. Er ist froh, den Douaumont nicht mitstürmen zu brauchen.
Der ist längst geräumt. Diesmal hat die französische Artillerie ganze Arbeit gemacht. Die Infanterie fand nur noch zerschossenes Gemäuer und eine Handvoll Versprengter vor .


[Der von 2.50 [nachmittags] ab zögernd in dichten Kolonnen vorgehende Franzose war im Abschnitt südlich des Forts auf keinen Widerstand mehr gestoßen. Ein paar Überlebende von den Reserve 90ern und dem II. Batl. Res. Inf. Regt. 27, das in der vorigen Nacht abgelöst hatte, standen bis an den Bauch im Schlamm. Gewehre und Handgranaten hatten sie nicht mehr. Verteidigen konnten sie sich nicht mehr. Zurückgehen konnten sie nicht mehr. […], Beumelburg, S. 160]



(zeitgen. frz. Postkarte, Aufnahme vom 25.10.1916)
Wir befinden uns jetzt an der vordersten Stellung. Grauenhaft sieht es hier aus. Kein Graben mehr, kein Unterstand – alles nur Trichter und zerfetzte Leiber. Hier liegen sie irgendwo, all die guten Kameraden – hier liegt die ganze Kompanie!
Weshalb hat man sie nicht vorzeitig aus dieser unmöglichen Stellung zurückgezogen? Ein Nahkampf Mann gegen Mann weiter hinten wäre ihnen tausendmal lieber gewesen, als dieses Verbluten im feindlichen Feuer.
Unser Mann treibt uns voran. »Allez, allez, nom de Dieu!«, schimpft er, wenn wir auseinandergehen, um einem Granattrichter auszuweichen.

Reservetruppen strömen an uns vorüber. Es sind Senegalneger, Gruppen zu acht, von zwei Franzosen geführt. Sie alle stehen unter Alkohol. Stier ist ihr Blick und grässlich ihre Physiognomie. Einige haben ein Messer zwischen den Zähnen .


[Der Douaumont wurde durch das Régiment d'infanterie coloniale du Maroc (RICM) eingenommen. Verstärkt wurde es durch das 43. Bataillon des Tirailleurs Sénégalais (43e BTS) und anderen kolonialen Einheiten.]

»Das ist keine Reklame für euch Franzosen«, denke ich und wende mich ab. Drüben bleibt plötzlich einer stehen und legt auf uns an in seinem besoffenen Kopf. Er schießt, trifft aber nicht und taumelt weiter.
Wir sind in der französischen Stellung angekommen. Hier sieht man wenigstens noch den Graben. Vor mir liegen zwei Franzosen mit dem Gesicht in einer Blutlache. Ein Pfarrer schlägt gerade das Kreuz über ihnen und läuft dann hurtig weiter in seiner braunen Kutte. Er sucht Sterbende, denen er die Sakramente geben möchte, findet aber nur Tote.
»Respekt vor diesem Mann«, denke ich, »hat es nicht nötig, sich ein Stück Eisen in den Leib jagen zu lassen und ist doch ganz vorn bei seiner Truppe. Er tut seine Pflicht im Dienste der Kirche. Sie taten sie für ihr Vaterland.«

Wir springen in einen Laufgraben. Ein prächtiges Reitpferd versperrt uns den Weg. Erst vor wenigen Augenblicken musste es den Tod gefunden haben. Der Reiter liegt darunter.
»Allez, allez!«, schreit der Franzose. Wir steigen darüber hinweg.
Es geht bergab, der Graben wird tiefer. Vor uns taucht die französische Artilleriestellung auf. Ein Höhenrücken von oben bis unten mit Geschützen bespickt. Terassenförmig sind sie aufgebaut. Die Franzosen feuern heraus, was die Rohre halten wollen. In Hemdsärmeln arbeiten sie.
Von allen Seiten strömen Gefangene im Hauptgraben zusammen. Die Menschenmassen stauen sich.
Da setzt plötzlich unsere Artillerie ein, die wir in den letzten Tagen so sehr vermisst haben. Wieder ein Schuss mit-ten hinein in die Menge. Die Leiber fliegen in die Luft. Von hinten treiben die Franzosen mit ihren Bajonetten. Panik bricht aus, man stürzt über die Gefallenen und Verwundeten hinweg. Unsere eigenen Landsleute schießen uns zusammen.
Die Massen stauen sich. Wir stehen vor einem Zwischenwerk der »Froide Terre«, sind aber in eine Sackgasse hineingelaufen.
Rrrrrach – wir fliegen gegen die Grabenwand. Ein Volltreffer! Das französische Geschütz, welches 30m rechts von uns feuerte, ist nicht mehr. Fünf tapfere Kerle sind in Stücke gerissen worden.
Rrrrrach – der Nächste auf den Eingang zum Werk. Balken und Steine kommen herunter. Splitter zischen hinein in die Menge. Ich werde nach vorn gedrängt. Vor mir liegt ein Leutnant auf dem Gesicht. Blut quillt rot aus seinem Mund. Die Hand ist ihm abgerissen, er stöhnt. Ich kann mich nicht zu ihm bücken, denn die Menge wogt zurück.
Der nächste Schuss trifft das Werk in seinem Lebensnerv – er schlägt durch. Die Franzosen stürzen heraus und prügeln auf uns los.
Neben mir brüllt einer seinen Schmerz hinaus, es ist ihm ein Arm abgerissen worden, er sackt zusammen. Mit blutüberströmtem Gesicht steht ein anderer an einer Grabenwand. Ich selbst fühle einen stechenden Schmerz am linken Schienbein. Heiß läuft das Blut herab und füllt die Stiefel.
»Allez, allez!«, schreien die Begleitmannschaften, die mit aufgepflanztem Seitengewehr auf der Grabenkante mitlaufen.
»Sales boches!«, brüllen uns die anderen an und machen dabei eine vielsagende Arm- und Schulterbewegung. Also in die Schnauze schlagen möchten sie uns am liebsten.
Man wirft mit Dreck nach uns. Andere wieder sind vernünftig.
Wir sind am Ziel. Ein Zaun auf freiem Feld nimmt uns auf. Erschöpft sinke ich in die Knie. Das war zuviel für meinen jungen Körper.
Ich blicke auf in den abendlichen Himmel. Ruhig und majestätisch zieht die Erde ihre Bahn im unermesslichen All. Mögen die törichten Menschen sich auch irgendwo an ihrer Oberfläche befehden und aus tausend Feuerschlünden Pulver und Eisen auf sich schleudern, nicht um ein Atom ändert sie ihren Lauf. Zur festgesetzten Stunde lässt sie es Abend werden und senkt den Frieden der Natur herab auf jedes Ding und in die Seele jeder Kreatur.
Feierabend ist es – herbstlicher Feierabend, wie er mir noch so deutlich aus meinem Heimatdorfe in Erinnerung ist. Ich sehe den Bauer heimkehren mit seinen Leuten. Das Rattern der Wagen und das Schleifen der Eggen dringen an mein Ohr. Ich sehe sie vom Hofe kommen, die Alten, die ihr Vieh besorgt haben. Sie setzen sich vor die Tür oder plaudern über den Zaun.
Friede, heimatlicher Friede – oh, wie ich ihn herbeisehne! Kaum, dass ich die Heimat verlor, lerne ich sie schätzen!
Meine Gedanken enteilen in weite Fernen, zu den Eltern, die um ihren Sohn bangen. Möchten doch die Ätherwellen ihnen verkünden, dass er noch unter den Lebenden weilt!

Bajonette blitzen vor mir auf und rufen mich in die Wirklichkeit zurück. Rechts und links und weit in das Land hinein speien unzählige Schlünde Feuer in den abendlichen Himmel hinaus. Die Menschen hier kennen keinen Feierabend. Sie hören nicht mehr die Stimme der Natur, denn es ist Krieg. Willkommen heißen sie die Nacht, um ihr Vernichtungswerk vollenden zu können.
Drüben liegt Deutschland! Drüben sterben sie, unsere Landsleute, für ihr Vaterland! Wir aber stehen mit geballten Fäusten und sehen die schweren Geschosse im abendlichen Himmel ihren Weg nehmen!
Und dann beginnt der Marsch – der Marsch ins Innere Frankreichs hinein. Eine ganze Kompanie Landstürmer steht mit aufgepflanztem Seitengewehr Spalier. Man nimmt uns in die Mitte und treibt mit viel Geschrei und Schimpf die Letzten vom Feld.
Wir werden gezählt.

Sonntag, 4. Januar 2015

1. An der Front: Gefangennahme - II

»Allez, en avant!«, ertönt das Kommando. Langsam und von manchem Seufzer begleitet, setzen sich die müden, zerschundenen Knochen in Bewegung. Gespenstisch be-wegt sich der Zug durch die Nacht. Schlürfend ziehen wir die schmerzenden Füße nach. Unser abgestumpfter Blick hängt an den Fersen des Vordermannes. Alles ist uns gleich, wir sind abgekämpft.
Jeder Schritt ins fremde Land hinein ist ein Stück von unserem Herzen. Mühsam schleppen wir uns auf grundlosen Feldwegen vorwärts, kein Wort kommt über unsere Lippen. Nur die Franzosen reden und schimpfen. Aufgeregt und zappelig wie Schäferhunde pendeln sie an unserer Seite.
Jetzt habe ich einen ganz Schlimmen neben mir.
»A droit – nach rechts!«, schreit er mich an und gibt mir einen Stoss, dass ich an meinem Nebenmann Halt suchen muss.
»Nach rechts habe ich gesagt, du dreckiges Schwein!«, schimpft er weiter auf französisch und rempelt den Nächsten an.
»Ich kann nichts verstehen«, sagt der ärgerlich.
»Ah, nix verstehen, nix verstehen!«, zappelt er vor ihm herum, »Fressen und Köpfe abschneiden, das könnt ihr – aber keine Ordnung halten, ihr Drecksäcke! Werden Euch noch Ordnung beibringen!«
»Sales boches, sales cochons!«, führen sie alle im Munde. Hart ist ihre Sprache und barsch ihr Ton. Hass spricht aus jedem Wort. Sie wissen nicht, dass man wehrlose Menschen, die ihre Pflicht taten, achten soll.
Wir verzeihen ihnen, denn sie müssen um unsereswillen durch die Nacht marschieren. Im Zorn ist der Mensch leicht ungerecht.
Heiß sind die Glieder und trocken der Gaumen, uns alle quält der Durst.
»Hast du keinen Schluck Wasser?«, stöhnt mein Nebenmann.
»Schmachte selbst danach!«, bringe ich mit angestrengter Stimme heraus.
Jetzt endlich fasst unser Fuß Pflaster. Wir marschieren auf dem Hauptzubringer von Verdun.
Endlose Ketten von Munitions- und Fourage-Transporten rattern an uns vorüber.
»A droit!«, tönt es monoton den Zug entlang.
Mein Fuß schmerzt immer heftiger. Der Durst wird unerträglich. Ich hänge die Zunge heraus, wie ein lechzender Hund, weil ich mir einbilde, die Feuchtigkeit der Luft so besser einfangen zu können. Seit 48 Stunden habe ich nichts getrunken.
In der Ferne zeichnen sich die Lichter der Stadt Verdun am Himmel ab. Dahin wollen sie uns also bringen.
Ich schätze drei Kilometer. »Das werde ich noch schaffen. Nur nicht liegenbleiben!«, denke ich, »Hier sind wir noch im Operationsgebiet, wer fragt danach, wenn man mich für immer liegen lässt?«
Noch einmal hören wir den Einschlag deutscher Granaten, dann stehen wir vor den Toren von Verdun. Es ist neun Uhr abends. Ein altes Stadttor nimmt uns auf. Nur stellenweise sind die Häuser erhalten.

Die Tore von Verdun (Foto eines US Soldaten v. Ausgang des
franz. Offiziercasinos aus aufgenommen, 1917)
Überall sieht man die verheerende Wirkung unserer schweren Artillerie, kahl und schwarz ragen die Brandmauern aus den Trümmern hervor. Im Schutt schwelt das Feuer.
»Halte la!«, heißt es am anderen Ende der Stadt.
Gott sei Dank, wir sind da! Wohl keiner, der nicht im nächsten Augenblick an der Erde liegt. Wo, das ist gleich! »Wasser, Wasser!«, geht ein Raunen durch die Menge. Irgendwo musste man Wasser entdeckt haben.

In der Tat – weiter vorn steht ein Dorfbrunnen.
Aber nur wenigen ist es möglich, eine Handvoll zu schöpfen, denn die Franzosen schlagen mit dem Kolben dazwischen und treiben sie in Reih und Glied.
Ich versuche, meinen Stiefel auszuziehen. Es gelingt mir nicht, denn der Fuß ist geschwollen.
Vor mir steht einer auf Strümpfen, er hatte die Stiefel bei der Gefangennahme stecken lassen.
»Hast du keine Fußlappen, Kamerad?«, fragt er.
»Leider nicht!«, gebe ich zur Antwort.
Er wendet sich an den Nächsten und bettelt sich so Lappen zusammen, die er um seine wunden Füße wickeln kann.
»Allez, allez!«, ertönt es von allen Seiten. Man treibt uns zusammen. Pferdehufe poltern auf hartem Pflaster. Die Kavallerie säumt uns ein.
Will man uns noch weiterschaffen? In der Tat!
»Allez, en avant!«, ertönt das Kommando.
Pferde tänzeln an unserer Seite, Lanzen blitzen über unseren Häuptern. Mit verschärftem Tempo treibt man uns wieder in die dunkle Nacht hinaus.
Endlos ist der Weg und eintönig die Landstrasse. Der letzte Schweiß klebt auf meiner Stirn. Schwer sind die Glieder und schlapp die Sehnen. Es geht nicht mehr. Ich kann die Beine nur noch nach vorn bringen, indem ich die Hüften anhebe durch Biegen des Körpers von links nach rechts.
Der Erste bricht zusammen, mitten auf der Landstrasse. Wir müssen um ihn herum gehen, keiner ist im stande, ihm zu helfen.
Was sie wohl mit ihm machen werden? Verzweifelnd beiße ich auf meine trockenen Lippen.
Es muss noch gehen. Ich darf mich nicht aufgeben!
Wieder bleibt einer liegen. Angstvoll und gequält stöhnt er im Graben abseits. Ein Posten bleibt bei ihm, der andere soll schon wieder zurück sein.
Man flüstert etwas von »kalt gemacht«. Ich kann es kaum glauben, sollte es wirklich Soldaten geben, die in uns nicht den Gefangenen, sondern nur immer den Feind sehen, den sie ungestraft beseitigen können?
Nur nicht liegen bleiben, nein, nur nicht liegen bleiben!
Körper gibt seine letzten Reserven her! Du hast sie noch, ich weiß es, nur jetzt nicht geizen!
Fest pressen sich die trockenen Lippen aufeinander.
[...]In der Ferne sucht ein Scheinwerfer den Himmel ab.
Dahin müssen wir sicher noch!
Enttäuschung und letzte Hoffnung zugleich!
Es ist drei Uhr in der Frühe. Wir sind mit einer Unterbrechung in Verdun bereits neun Stunden unterwegs und waren doch schon zermürbt, als man uns gefangen nahm.
Was doch ein Körper zu leisten vermag, wenn ein eiserner Wille und ein letztes »Muss« dahinter stehen!
Der Tag graut! Ich schleppe mich mit letzter Kraft weiter.
Wir passieren ein Dorf und stehen plötzlich vor einem eingezäunten Feld.
Am Ziel! Gott sei Dank!

Das Kriegsgefangenlager heute: ein Maisfeld, 2014
Die Kavallerie rückt ab. Bajonette blitzen wieder auf. Man zählt uns und zehn Minuten später stehen wir hinter dem Stacheldraht auf grundlosem, aufgeweichtem Ackerboden.
Wohl keiner, der nicht dort zusammenbricht, wo er gerade steht .
Ich schlafe wie ein Toter im Dreck, bis mich ein Schüttelfrost nach drei Stunden plötzlich empor fahren lässt.
Mein Fuß schmerzt mich. Ich versuche, den Stiefel auszuziehen. Es gelingt mir aber nicht.
»Aufschneiden!«, meint einer neben mir und fährt mit seinem Käsemesser hinein in das Loch, welches mir ein Granatsplitter gerissen hat.
»Junge, Junge, da hast du aber Schwein gehabt!«, sagt er und hält den Splitter in der Hand, ein scheußlich gezacktes Eisenstück. In der umgelegten Hose hatte er seine Durchschlagskraft verloren und nur eine Fleischwunde verursacht.
Ich werfe den blutgetränkten Fußlappen fort, reiße mir ein Stück vom Unterzeug herunter und fahre erleichtert hinein in den zerschnittenen Stiefel.

Samstag, 3. Januar 2015

2. Gefangenschaft: Märtyrerlager Souilly I

Infotafel am ehem. Lager in Souilly 2014
»Wo sind wir eigentlich?«, frage ich jemanden, der schon auf den Beinen ist.
»Straflager Souilly!«, antwortet er.
»Wieso denn Straflager?«, frage ich weiter.
»Na, weil wir von der Kronprinzenarmee sind!«
»Ah, so fassen die Franzosen den Krieg vor Verdun auf!«, denke ich und stelle mich auf meine eiskalten Füße.



Eine Stunde später stampfen wir alle im Morast auf und ab, denn es ist scheußliches Oktoberwetter.

Schub auf Schub rückt heran. Gewaltig muss der Erfolg der Franzosen gewesen sein. Man spricht von achttausend Mann!
Draußen gehen die Posten auf und ab. »Wasser! Wasser!«, schreien wir im Chor.
Es kommt kein Wasser.
Dann hat der Himmel ein Einsehen – es regnet! Wir fangen die Tropfen auf und feuchten unsere Lippen an.
Am Spätnachmittag kommen auch die Franzosen mit Wasser. In Fässern fahren sie es herbei und lassen es ab in einen Trog, der außerhalb des Zaunes steht.
Fürchterlich ist das Gedränge am Zaun. Mit der Mütze schöpfen wir und verschütten dabei die Hälfte.
Endlich habe ich mich auch soweit vorgearbeitet, dass ich Aussicht habe, einen Schluck zu erwischen. In der Hand halte ich bereits mein Zigarrenetui, eine ineinander schiebbare Lederhülle – dritter Preis im Männerturnverein meines Heimatortes, einschließlich Eichenkranz mit Schleife.
Neben mir steht ein Berliner, »Karlchen« nennen sie ihn.
»Mensch, tust mir mal die eene Hälfte pumpen? Mit det Krätzchen, det is nischt.«
Ich reiche sie ihm.
»Aber wiedergeben!«, sage ich.
»Ehrensache!«, antwortet er.
Langsam werden wir nach vorn geschoben.
Endlich sind wir dran. Mit gefülltem Zigarrenetui stehen wir dann im Schlick. »Mensch«, sagt Karlchen, »det war ne Tigerei heute, wat? Hab´ ick ´n Brand jehabt, det kann sich jarkeener vorschtellen! Wat de Leute Durscht nennen, is jarkeener. Weesste, der erste Schluck nach fünf Tagen, det hat jezischt! Ick war fertig, ick war ausjequetscht wie ´ne Zitrone.«
Er nimmt den letzten Schluck. »Schmeckt verdammt nach Tabak«, sagt er und gibt mir die Hülle zurück, »Weesste, die andern haben da heute früh aus so´n Dreckloch jesoffen. Kiek se Dir mal an! Die sitzen jetzt alle uff de Stange und haben de Scheisserei! Ick hab´ et jleich jesagt. Kinder, lasst det sin, hab´ ick jesagt. Hab ick recht jehabt?«
»Diesmal hast du wirklich recht gehabt«, sage ich, »Ich habe nämlich auch ´n Durchmarsch.«
»Siehste, hast ooch mitjesoffen vonde Lurchenbrühe und denn jleich zu ville. Ihr scheisst Euch noch doot, watt ick Dir sage!«
Die Franzosen bauen an jeder Ecke des Zaunes ein Maschinengewehr auf und probieren es aus.
Vor dem Eingang wird ein Scheinwerfer aufgestellt, der das ganze Feld überleuchten soll.
Es regnet.
In der Mitte des Feldes steht eine Lehmhütte. Sie bietet höchstens für hundert Mann Platz. Ich mache erst gar nicht den Versuch, hineinzukommen und patsche, wie alle anderen auf und ab durch den Dreck.
Endlos ist die Nacht, nass die Kleidung, kalt die Füße und leer der Magen. Ich winde mich vor Leibschmerzen.
Elend und dreckig sehen wir alle aus, hohläugig und blass.
Endlich bekommen wir hundert Gramm Brot, die Nahrung für den ganzen Tag. Unsere Landsleute bringen es uns von der anderen Seite der Strasse herüber. Sie erzählen uns:
»Souilly ist das Vergeltungslager für die Kronprinzenarmee. Auf den Kronprinzen haben sie alle eine Stinkewut. In einer illustrierten Zeitung haben sie ihn abgebildet, auf einem Haufen Menschenschädel stehend und mit dem Fernglas in der Hand. Darunter stand: »Ich kann Verdun noch nicht sehen!« – Als ob sich Joffre nicht genau so hinstellen könnte!«
»Ihr werdet noch was aushalten müssen. Hier ist schon manch einer draufgegangen«, meinen sie und ziehen dann ab mit ihren Körben.
Es wird Tag. Tief hängen die Wolken, ein eisiger Wind peitscht sie über das Feld.


Die ersten Fieberkranken schleppen sich an das Eingangstor. Gegen Abend werden sie fortgeschafft.
Ich zwänge mich vor Einbruch der Dunkelheit in die Lehmbude hinein und sichere mir in der Ecke einen Platz für die Nacht.
In der Mitte wogen die Stehenden hin und her. Bald wird das Gedränge unerträglich. Von beiden Seiten pressen sie sich mit Gewalt hinein.
Wir sitzen im Dreck, der eine zwischen den Beinen des anderen. Die Glieder schlafen uns ein.
»Au!«, schreit es aus allen Ecken.
Neben mir sitzt ein pfundiger Bayer, der gerade von seinem Faustrecht Gebrauch macht.
Pardauz – da kommt einer von oben aus dem Hahnebalken herunter, denn dort saßen die Schlauesten. Der Mensch ist aber kein Kanarienvogel und fällt daher herunter, wenn er einschläft.
Der Ärmste! Er schlug dem Bayer mit dem Absatz ins Ge-sicht und wurde nun regelrecht vertrimmt. Von allen Seiten bekam er Zunder, bis er vor der Türe lag.
Überall stöhnen und schimpfen sie, keiner nimmt Rücksicht.
Ich bin vollkommen festgekeilt und leide bereits seit einer Stunde Tantalusqualen, denn ich habe die Ruhr. Das wühlt und reißt und schmerzt und schneidet wie mit Messern.
Gegen Mitternacht bekomme ich wegen meiner angeblich krummen Knochen und weil es mir in die Hosen gegangen ist, Streit mit meinem Nachbarn. Mit Knuffen und Puffen befördert man mich hinaus.
»Warst du auch da drin?«, redet mich einer an, der schon länger im Regen steht.
»Bis jetzt«, antworte ich.
»Dann hast du es aber lange ausgehalten. Das nennt sich nun Kameradschaft! Anstatt dass sie sich alle Stunde mal ablösen, hocken die, die die größte Schnauze haben, die ganze Nacht da drin.«
»Da fehlt bloß der richtige Mann, der Ordnung schafft«, antworte ich, »Wo kein Kommando ist, da machen die Menschen, was sie wollen und Ungerechtigkeit ist Trumpf. Ich verzichte jedenfalls auf diesen Affenstall, stehe lieber hier draußen im Regen.«
Am anderen Morgen liegt eine Schar Fieberkranker vor dem Eingangstor. Die Latrine, eine fünf Meter lange Grube ist dauernd besetzt. Epidemisch greift die Ruhr um sich. Mehr als hundert Mann werden an diesem Tage fortgeschafft.
Ich halte mich noch, trotzdem ich heftiges Darmbluten habe und dauernd an der Grube sitze. »Hast du das heute Nacht gehört?«, fragt mich einer, der neben mir hockt, »Der lange Posten hat zwei Mann erschossen. Er behauptet, sie wollten türmen und dabei haben sie sich bloß Wasser durch den Zaun langen wollen!«
»Eine Gemeinheit!«, antworte ich.
Eiter und Blut kleben an den Wänden der Grube.
»Schließlich ist es gleich, ob man so oder so drauf geht«, denke ich.

Gestern hat man bereits mit dem Verhör vor der französischen Kommission begonnen.
Heute bin ich dran.
Zunächst nimmt man uns sämtliche Gegenstände wie Messer, Schere usw. ab.
»Auf Briefschaften sind sie besonders scharf«, sagt man mir. Ich zerreisse sie deshalb vorher und trete sie in den Schlamm.
Man will von mir wissen, wo ich in Stellung gelegen habe, wie stark die deutschen Reserven dort gewesen sind, wo die Artillerie gestanden hat usw. Ich weiche geschickt aus und beantworte die meisten Fragen mit Achselzucken.
Ärgerlich wendet sich schließlich der Nachrichtenoffizier ab.
»Noch ein Kind«, sagt er und lässt mich abführen.
Alle kommen nicht so gut davon. Diejenigen, welche nach Meinung der Franzosen wirklich etwas aussagen können und es nicht tun, liegen draußen auf einem Holzrost angeschnallt und starren in den Himmel. Man will sie auf diese Weise gefügig machen.
»Otto Seidel, Mensch, du auch?«, entfährt es meinen Lippen, als ich den Zweiten in der Reihe im Vorbeigehen erkenne. Ein bitteres Lächeln huscht über sein blasses Gesicht, als auch er mich erkennt.
»Von mir bringen sie kein Wort mehr heraus und wenn ich hier verrecke!«, stöhnt er laut hervor.
»Allez, allez, hier gibt es nichts zu erzählen«, fährt mich der Franzmann an.
»Halte durch, Junge!«, rufe ich ihm noch zu.
»Allez, allez!«, schnauzt der Posten und gibt mir einen Fußtritt.

[9. Abschnitt: Nach der Schlacht
3) Ich hatte das Unglück, in feindliche Kriegsgefangenschaft zu geraten:

Wenn ich Zeit und Gelegenheit habe, entferne ich meine die Regimentsnummer enthaltenen Schulterklappen und den Helmüberzug und werfe sie weg; wenn ich Schriftstücke bei mir habe, aus welchen der Feind etwas über unsere Zusammensetzung, unseren Gefechtsauftrag, unsere Unterkunft entnehmen kann, so vernichte ich sie;
wenn ich über unsere Verhältnisse ausgefragt werde, so gebe ich entweder gar keine oder eine den Feind irreführende Antwort; wo ich Zeit und Gelegenheit finde, suche ich zu entfliehen und mich zu den Unsrigen durchzuschlagen oder mit List dahin zu kommen;
im übrigen benehme ich mich auch in Gefangenschaft so, daß ich meinen guten Ruf als bayerischer, als deutscher Soldat bewahre, insbesondere muß ich meinen mitgefangenen Vorgesetzten die Ehrenbezeugungen so erweisen, wie zu Hause in der Garnison.]

Quelle: Hptm. Zeiß, Unterrichtsbuch für den bayerischen Infanteristen und Jäger, Regensburg 1902, S. 216


Heute gibt es eine Kelle Kaffee, soweit es reicht und eine Dose Gefrierfleisch für fünf Mann. Eine Dose Fleisch von hundert Gramm – welch ein Leckerbissen! Aber wie macht man die Büchse auf? Alle scharfen Gegenstände sind uns genommen. Mit Steinen, die wir aus dem Schlamm herausfischen, gehen wir dabei. Unser Mann, dem wir ängstlich wie die Trabanten folgen, braucht eine halbe Stunde dazu, bis er sich einen Stein erbettelt hat.
Und dann erst die Teilung!
Der Regen wird immer schlimmer. Nässe, Kälte und Hunger fordern täglich ihre Opfer.
Endlich bequemen sich die Franzosen, ein Dutzend Dreieckzelte von Mannshöhe aufzubauen.
Der Sturm reißt sie nachts in den Schlamm.
Ich versuche, mich mit meinem Koppel an einem Zeltpfahl festzuschnallen, denn der Schlamm draußen ist zur dünnen Suppe geworden und ich habe seit drei Tagen kein Auge zugetan. Bald sacke ich aber zusammen und reiße fast das Zelt ein.
Auf einem Zipfel des Zeltes hockend, schlafe ich dann durchnässt bis auf die Haut gegen Morgen ein.
Plötzlich schlägt mich jemand mit einem Knüppel über den Schädel, dass ich ohnmächtig werde. Ein französischer Sergeant ist es, der im Lager herumtobt und die Leute verprügelt, weil der Sturm die Zelte umgerissen hat.
Schrecklich sind wir durch Hunger, Nässe und Kälte bereits zugerichtet. Wie die Schweine sehen wir aus. Täglich fallen die Schwächsten um und werden fortgeschafft.

Freitag, 2. Januar 2015

2. Gefangenschaft: Märtyrerlager Souilly II

Ortseingang vom Lager aus, 2014.
Die Kolonne wird links abgebogen sein.
Endlich am fünften Tage werden wir aus unserem Elend befreit.
Die Infanterie nimmt auf der Strasse Aufstellung. Langsam leert sich das Feld, trotzdem die Franzosen wie die Kettenhunde ihr »Allez, allez!« kläffen. Müde und krank, zerlumpt und verdreckt stehen wir wieder in Viererreihen.
»Allez, en avant!«, kreischen die Posten. Sie sind überhaupt heute so aufgekratzt – was mögen sie mit uns vorhaben?
Wir biegen in die Hauptstrasse des Dorfes ein.
»Nom de Dieu, nom de Dieu!«, flucht da plötzlich ein französischer Sergeant in unseren Reihen herum. Immer unausstehlicher wird er. Jetzt prügelt er sogar drauflos, bis man ihn begreift.
»Par distance!«, schreit er unentwegt. Drei Meter Abstand zwischen jeder Reihe will er haben, weil drüben ein Kurbelfritze steht und einen Film für Paris dreht.
Nette kleine Tricks, das muss man ihnen lassen! Erst machen sie Elendskreaturen aus uns und dann bringen sie uns auf die Leinwand, möglichst »par distance«, damit die Reihe nicht abreißt.
Ich bin empört! Ein jeder ballt wohl die Faust in der Tasche! Nicht die Stockhiebe des Sergeanten sind es, sondern die Handlung als solche.
Wir sind Feinde, nun gut! Wir haben gekämpft, ritterlich gekämpft. Dieser Kampf hat sein Ende gefunden im Augenblick der Gefangennahme. Wir haben uns im Geiste die Hand gereicht und hätten das auch in Wirklichkeit getan, wenn das praktisch möglich gewesen wäre.

"Deutsche Gefangene vor dem Hauptquartier in Souilly 1916",   
(zeitgen. frz. Postkarte).
»Wir bekennen uns geschlagen und achten und respektieren Euch als Sieger!«, haben wir durch Erheben der Hand kund getan.
Ein ritterlicher Sieger tut das Gleiche. Er achtet den Besiegten, aber er entwürdigt und entehrt ihn nicht und er behandelt ihn menschlich.
Was aber haben die Franzosen getan? Man kann die Moral einzelner nicht zu einem endgültigen Urteil für die Gesamtheit machen. Ich kenne den Charakter des französischen Volkes noch zu wenig. Vielleicht ist es auch der Hass, der jede gesunde und edle Regung des Herzens und jede Vernunft erstickt.
Mit befriedigten Gesichtern treiben uns die Franzosen wieder auf unsere Märtyrerstätte zurück. Machtlos stehen wir unserem Schicksal gegenüber.

Verdun

Das Schlachtfeld hatte uns ausgespien,

es konnte die Leiber nicht schlingen.
Der Herrgott hatte uns Kräfte verlieh´n
Unmögliches zu vollbringen.

Nun stehen wir hier im finstern Kral,
der Tod lichtet unsere Reihen.
Von all den Leiden, von all der Qual
wird er uns erlösen – befreien.

Souilly – Verdun, ein einziges Grab,
gähnt düster zu unseren Füßen.
Noch immer sinken sie sterbend hinab,
wann wird es sich endlich schließen?





Zu den körperlichen Leiden gesellen sich jetzt die Seelischen. Vielen bricht diese Nacht, die sich mit Sturm und Regen anlässt, die letzte Widerstandskraft.

Ich hocke am anderen Morgen apathisch am Eingangstor, denn ich habe Fieber. Sie kommen, schieben aber die Kranken zurück. Fünfzig Gesunde für die Arbeit wollen sie holen, ich werde mit Karlchen zum Tore hinausgedrängt.


Kriegsgefangenenlager Souilly:
Entlausungsanlage mit Druckkessel wird befüllt
(Aufnahme eines US Soldaten, 1917)
Wir werden entlaust.
Unter einem offenen Schuppen steht ein Dampfkessel – es hätte auch eine ausrangierte Dreschmaschine sein können.
Wir müssen uns im Freien ausziehen und unsere Sachen in eine Zeltbahn knoten. Zwanzig Minuten sollen die kleinen Tierchen unter Druck und Dampf zersetzt werden. Uns »sales boches« will man inzwischen abschruppen.
»Allez, en avant!«

Hundert Meter im kalten Oktoberwind über den Hof zur sogenannten Badeanstalt, bestehend aus einem mannshohen Gerüst und Holzkasten. Ein Franzmann bedient dieses Wunderwerk der Technik.

Er steigt mit einem Eimer Wasser die Leiter hinauf und gießt uns den kalten Segen über den Leib. Ich komme nur bis zum Einseifen. Der Franzmann weigert sich hartnäckig, noch etwas nachzuschütten. »Der Nächste!«, schreit er von oben herab.

Mit nassem Körper stehen wir wieder vor dem Dampfkessel und warten auf unsere Sachen. Da fällt plötzlich einer um. Drei Mann schaffen ihn in die nächste Baracke. Sie kehren gleich wieder zurück. Tot – Herzschlag!
Die nächste Nacht liege ich auf Reisig in einem großen Zelt. Auch dieses reißt gegen Mitternacht der Sturm ein.
Tags darauf werde ich einem Kommando zugeteilt und verlasse Souilly, ausgerüstet mit Decke, Brotbeutel und Kochgeschirr überglücklichen Herzens.

Donnerstag, 1. Januar 2015

2. Gefangenschaft: Steinbruch Fleury [PG 59]

»Mensch, da sind wir ja dem Totengräber noch mal von der Schippe gehuppt!«, sage ich befreit zu meinem Nebenmann. Er ist ein Unflat von Kerl, Füße wie Elbkähne und Hände wie ein Olympiaschwimmer – ein richtiges Elefantenküken! »Hein« nennen sie ihn.
»Wenn he uns nich doch noch bi´n Kanthoken kriegt«, antwortet er.
»Dann sterben wir eben hier den Heldentod!«, gebe ich zurück.
»Ped Di man nich op´n Slips!« platzt er heraus, »dat givt tweerlei: Auf dem Felde der Ehre gefallen und in Gefangenschaft gestorben!«
»Das ist gleich, fürs Vaterland geschieht beides und darauf kommt es an!«
»Ick bün jedenfalls froh, dat wi den ganzen Schiet achter uns hebt. Ick kann allerhand af, aber wat to veel is, is to veel! De Franzosen, düsse Schietkerls, wörn all längs afkratzt. Kiek se Di mol an! Is keen een, de en Mors in de Büx hett. De sülln wi uns griepen, jeder een un en por ant Mul haun!«ii
»Aber ohne mich!«, antworte ich und hole mir ein Stück Trocken Brot hervor, welches wir als Tagesration mitbekommen haben.
Maisbrot ist es, sieht gelblich aus und schmeckt etwas bitter. Essen steckt an – alle holen sie ihren Knust hervor. Hinterher wird weiter Kohldampf geschoben.
Geringschätzig wiegt Hein seinen Kanten in der Hand: »Da hebt wi to huus de Fisch mit foddert, is man grod wat forn hohln Taen!«
Grauer Dunst liegt über der Landschaft, ungepflegtes, überwuchertes Ackerland zu beiden Seiten.
Wir wissen nicht, geht es weiter ins Land hinein oder zurück an die Front?
»Hest du dat heurt? Hier rükt dat wer no Pulwer«iv, sagt Hein nach fünf Stunden Marsch.
Ich horche – tatsächlich, Kanonendonner ganz aus der Ferne.
Zwei Stunden später sind wir am Ziel. Ein Drahtzaun auf bewaldeter Höhe nimmt uns auf.
Rrrrrach - rrrrach – die deutsche Artillerie schickt uns einige Zuckerhüte zum Gruß. Sie schlagen im Tal ein, wo die Güterzüge mit Munition stehen.

In einer demolierten Baracke werden wir untergebracht, wie gewiegt schlafe ich in meiner Flohkiste, obwohl der Wind durch die Fugen pfeift und die Hüften schmerzen.
Am anderen Tage stehen wir bereits unten im Steinbruch und hören fortgesetzt die Mahnung: »Allez, allez, travailler! – Los, los, arbeiten!«
Der Kommandant, ein spitzbärtiger, alter Knabe, läuft mit seiner Ordonnanz raisonnierend durch die Reihen, als ob er für jede Lore Steine zehn Francs Tantieme bekäme.
Mir hat man eine Brille und einen kleinen Hammer verpasst. Tagaus, tagein sitze ich auf meinem Steinhaufen und klopfe Schotter, ob es regnet oder schneit. »Toujours travailler – Immer arbeiten!«, belehrt mich mein Posten, der in einem Regencape auf und ab pendelt, während mir das Wasser aus der Hose läuft.
»Allez, allez!«, schimpft er, wenn ich eine Kunstpause einlege.
Eine Arbeit geht nur von der Hand, wenn man sie mit innerer Bereitschaft anpackt und mit Lust und Liebe verrichtet. Sonst werden die Stunden zur Ewigkeit und der Tag zur Qual. Abwechslung bringt nur der Weg zur Latrine. Unser Standpunkt ist: »Lieber den Hintern erkälten, als arbeiten!«
Wenn wir vor der Grube sitzen und Parolen herausgeben, während wir uns die Läuse aus dem Hemd suchen, geht die Zeit noch einmal so schnell herum.
Läuse haben wir trotz Entlausung schon wieder im Überfluss. Sechzig zähle ich in einem Ärmel. Auf der Brust beißen sie am schlimmsten und dabei finde ich keine. Endlich habe ich das Hauptquartier entdeckt. Im Brustbeutel sitzen sie in allen Größen und Schattierungen von der Großmutter herunter bis zum Enkelkind. Es ist kein Wunder. Nur einmal in der Woche, am Sonntag, werden wir an den Fluss geführt, um uns zu waschen. In der Woche kommt kein Wasser auf den Berg, außer für den Wasserreis, den wir jeden Tag zweimal bekommen.

[...]

Wir hungern und frieren und müssen schwer arbeiten. Nachts liegen wir auf muffigem Stroh.
Pfützen stehen in der Baracke, denn das Dach ist undicht. Vorn am Eingang schwelt eine Tranfunzel. Wie das liebe Vieh liegen wir im Mist und schnarchen oder schaben uns. Dauernd torkeln Gestalten schlaftrunken durch den Gang zum Kübel, der in der Ecke steht.
Neben mir liegt Karlchen, er hat seit drei Wochen wieder die Ruhr. Aschgrau ist sein Gesicht, blauschwarze Schatten liegen um seine müden Augen.
Anfangs ist er die ganze Nacht zur Latrine gelaufen, später hielten ihn Übermüdung und Schwäche zu lange auf seinem Lager fast, sodass es ihm oft daneben ging. Nun liegt er schon seit Tagen teilnahmslos da. Seine Hose starrt von Schleim und Blut, er stinkt wie die Pest und wimmert vor Schmerzen. Das Fieber zehrt an seinem ausgehungerten Körper.
Seit gestern spricht er kein Wort mehr. Man schafft ihn endlich fort – zu spät, seine Lippen öffnen sich nicht wieder.
»Wenn das so weiter geht, können wir uns alle zu Hause abmelden«, meint Hein kopfschüttelnd.
Gierig schlürfen wir unsere Wassersuppe, um unseren durchgefrorenen Körper aufzuwärmen. Allmählich sind die Reserven aufgebraucht und der Hunger klopft unerbittlich an die Magenwände.
Jeder will morgens beim Antreten rechter oder linker Flügelmann sein.
Auf dem Wege zum Steinbruch suchen unsere Augen jeden Komposthaufen ab.
Hier haben nachts die Lastautos gehalten. Was die Chauffeure nicht mehr mochten, werfen sie in den Dreck. Für uns sind das Leckereien. Oftmals stürzt ein ganzes Rudel aus den Reihen, um einen trockenen Knust zu erhaschen. Die Franzosen amüsieren sich darüber und nennen uns »gefräßige Boches«.
[...]Seit gestern arbeite ich mit Hein zusammen, er lädt auf und ich muss die Karre schieben. Es regnet unentwegt. Das Wasser läuft mir in die Stiefel hinein, die ich hinten aufschneiden musste, weil mir die Fersen erfroren sind.
Wir lösen uns ab. Aber da kommt auch schon der Aufseher und verbietet es.
»Ich kann nicht mehr laufen«, sage ich. Auf meine Füße zeigend, mache ich ihm begreiflich, dass ich erfrorene Fersen habe.
»ça fait rien – Das macht nichts!«, antwortet er ärgerlich.
»Allez, travailler ou prison – Los, arbeiten oder ins Gefängnis!«, setzt er hinzu. Und von nun an setzt er bei jeder Fuhre mit seinem Krückstock hinter mir her.
Ich beisse die Zähne aufeinander und halte durch bis Feierabend.
Tags darauf melde ich mich krank. Ein Sanitäter kommt mit seinem Kampfertopf. Er sticht mit einer Nadel die Füße ab, bis ich schreie und stellt dann fest: »Arbeitsfähig!«
Ich muss vor den Kommandanten.
»Warum willst du nicht arbeiten?«, fragt er in barschem Ton.
»Weil ich schwarze Füße habe, ohne jedes Gefühl«, antworte ich.
»Um so besser!«, platzt er heraus, »Ohne Gefühl, dann kannst du sehr gut exerzieren!«
»Posten!«, schreit er zum Fenster hinaus.
Der kommt und schleift mich auf den Hof.
Ich muss in Ermangelung eines Sandsackes einen Balken im Kreise herumtragen. Immer wieder setze ich ab, immer wieder schreit der Franzmann, der mit aufgepflanztem Seitengewehr in der Mitte des Platzes steht, sein: »Allez, allez!«
Nach zwei Stunden breche ich erschöpft zusammen.
»Ich kann nicht mehr!«, stöhne ich.
»Je suis malade! – Ich bin krank «, sage ich auf Französisch.
»Oh, nix malade!«, zappelt er vor mir herum und tritt mich solange gegen die Fersen, bis ich wieder stehe.
Jetzt geht es ohne Balken weiter, bis die anderen heimkommen. Ich werde vor den Kommandanten geführt. »Willst du jetzt arbeiten?«, fragt er mich.
Ich sehe ihn flehend an.
Seine stechenden, schwarzen Augen wittern aber in mir immer noch den Drückeberger.
»Ob du arbeiten willst, habe ich gefragt!«, wiederholt er hart und bestimmt.
»Ja!« antworte ich.
»Na also, werden Euch schon kriegen!«
Ich schneide am nächsten Tage meine Schäfte ab und mache Pantoffeln aus meinen Stiefeln. So schiebe ich meine Karre tagaus, tagein durch den Dreck und laufe mehr barfuß, als auf Pantoffeln.
Der Exerzierplatz wird immer besuchter. Wer sich krank meldet, wird eine Stunde weit zum Arzt geführt und dort nach Behandlung mit Jod und Aspirin mit tödlicher Sicherheit gesund geschrieben.
Es ist, als ob die Franzosen sich mit Gewaltmitteln gegen ein vermeintliches Drückebergertum schützen wollten. Damit treiben sie die Krankheit des einzelnen auf die Spitze und manch einer muss es mit dem Leben bezahlen.
[...]

Es ist Heiligabend! Ich liege auf der Erde auf fauligem Stroh und starre in das Halbdunkel des Raumes hinein. Meine Gedanken sind daheim.
Ob sie wohl in diesem Jahre einen Baum haben? Ob sie überhaupt schon wissen, dass ich in Gefangenschaft geraten bin? Vielleicht leben sie immer noch in der quälenden Ungewissheit über mein Schicksal. Vielleicht trauern sie sogar um mich. Still ist es in der Baracke – alle denken sie an die Heimat!
Die Franzosen kennen kein Weihnachten mit Tannenbaum und Lichterglanz und können deshalb auch nicht ermessen, was uns in diesen Stunden fehlt.

[1917]
Das neue Jahr beginnt mit grimmiger Kälte. Wir haben einige schwerkranke und etwa dreißig Mann ohne Schuhzeug. Die Franzosen sehen endlich ein, dass man hier mit Jod, Kampfer und Nadelstichen nicht weiter kommt.
Mit strenger Miene schreitet der Kommandant die Front ab. Er lässt die Schwächsten auf die andere Seite treten. Was nichts mehr taugt, will er abschieben, auch ich bin dabei.
Eine Stunde später zieht ein Häuflein Kranker hinaus in den kalten Wintertag, verfolgt von den sehnsüchtigen Blicken der zurückbleibenden Kameraden. Mochte der Weg auch unbekannt und noch so beschwerlich sein, die Hoffnung auf ein besseres Los gibt allen noch einmal neue Kraft.
Hein hatte mir beim Abschied bewegt die Hand gedrückt. »T´jüs, lot Di dat good gon«, hatte er gesagt.
Ich habe die Füße vollends erfroren und bin außerdem schwer ruhrkrank. Soll ich deshalb zurückbleiben? Niemals! Lieber auf der Landstraße umfallen, aber nur weg, weit hinweg von dieser Elendsstätte!
Eisig fährt der Wind durch unsere dürftige Kleidung.
Nach einer halben Stunde muss ich als erster in den Graben. Ich habe heftige Leibkrämpfe. Der Posten treibt – er will nicht warten.
Bald sind es ein Dutzend, die zurück bleiben. Die Posten halten Wache, während wir frierend am Wegrand sitzen und dennoch nicht verhindern können, dass uns Blut und Schleim in die Kleidung fließen.
Ich muss mitten in einer größeren Ortschaft in den Rinnstein, während mich die Bewohner begaffen und belachen.
Die anderen sind schon am Ziel! Erschöpft und enttäuscht betrete ich das Lager Souilly wieder, diesmal aber nur für kurze Zeit.

ENDE DER LESEPROBE

Mittwoch, 30. April 2014

Editorische Notiz


Das Manuskript in der hier vorliegenden Fassung ist an die neue Rechtschreibung und Interpunktion angepasst.
Offensichtliche Rechtschreib- bzw. Tippfehler, sowie grammatikalische Fehler wurden zur besseren Lesbarkeit berichtigt, handschriftliche Überarbeitungen Mehnerts übernommen. Das Manuskript hatte keinen Titel, er wurde vom Herausgeber gewählt.
Erläuterungen sind als Endnoten eingearbeitet. Literaturnachweise und Hinweise auf weiterführende Literatur befinden sich am Ende des Buches. Ergänzungen im Text durch den Herausgeber sind in eckige Klammern [ ] gesetzt.

(c) Sven Janke